Lungenkrebs Ernährungsrisiken und Einflüsse

Häufige Lungenkrebserkrankungen in einzelnen Familien beruhen nicht unbedingt auf einer gemeinsamen genetischen Prädisposition, sondern können auch die Folge gemeinsamer Umwelteinflüsse sein. Hierzu gehören bestimmte Verhaltensweisen, die über viele Generationen „vererbt“ werden und das Erkrankungsrisiko negativ beeinflussen. Wenn z. B. die Eltern Raucher sind, ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass die Kinder später auch rauchen. Abgesehen davon sind Kinder von Rauchern wegen des inhalierten Passivrauchs auch stärker krebsgefährdet. Möglicherweise spielt auch die gleiche Ernährungsweise eine Rolle. Grundsätzlich gibt es verschiedene Ansatzpunkte, über die Ernährungsfaktoren in die verschiedenen Phasen der Krebsentwicklung eingreifen können. So können Enzymsysteme zur Bildung von Kanzerogenen oder zur Funktionseinschränkung von Reparatursystemen beitragen und auf diesem Weg Genmutationen auslösen. Auch können Viren in den Lebensmitteln, Benzpyrene, polyzyklische und aromatische Kohlenwasserstoffe bei der Zubereitung in den Nahrungsmitteln Genmutationen verursachen. Direkte strukturelle Einwirkungen auf das Erbgut (Tumorinitiation) sind allerdings unwahrscheinlicher als Anreize zum Wachstum oder zur Gewebeinvasion von Krebszellen (Tumorpromotion). Je nach Ernährungsweise kann es zu Begünstigung oder zu einer Hemmung des Krebswachstums kommen. Entgegen der volkstümlichen Vorstellung und unzähliger Berichte der Laienpresse wissen wir aber viel weniger über Krebs hemmende als über
Krebs fördernde Einflüsse der Ernährung.

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Sind Zusammenhänge zwischen der Ernährung und der Entstehung von Lungenkrebs eindeutig?

Einflüsse der Ernährung sind zwar wahrscheinlich, aber objektiv schwer nachzuweisen. Dies liegt unter anderem daran, dass sich der Einfluss der „Ernährung“ nur schwer von anderen Risiken trennen lässt. Dass z. B. Lungenkrebs bei Adventisten seltener ist als bei anderen Bevölkerungsgruppen, liegt nicht nur daran, dass diese sich vegetarisch ernähren, sondern auch, dass sie schlanker und körperlich aktiver sind, weitgehend auf Alkohol und Rauchen verzichten und insgesamt gesundheitsbewusster leben. Eine Zuordnung eventueller Schadstoffe ist schwierig. Lungenkrebs fördernde Einflüsse haben ungleiche Auswirkungen zu unterschiedlichen Zeitpunkten. Lungenkrebs entsteht nicht von “heute auf morgen”. Von der Entstehung erster Krebszellen bis zum Ausbruch der Erkrankung dauert es viele Jahre, in denen sich häufig das Ernährungsverhalten ändert. Es gibt unzählige epidemiologische Studien, die sich mit dem Einfluss
der Ernährung befasst haben und vorgeben, Ursachen festzustellen. Dabei können epidemiologische Untersuchungen jedoch lediglich Assoziationen und Risikofaktoren, nicht jedoch kausale Gemeinsamkeiten identifizieren. Wenn überhaupt, zeichnen sich in den Studien lediglich statistisch nicht signifikante Tendenzen bei der Nahrungsmittelauswahl, der Nahrungszubereitung und dem Ernährungsverhalten ab.

Welche Bedeutung hat die EPIC-Studie

Zur Frage möglicher Zusammenhänge von Krebs und Ernährung sind in den letzten Jahren einige quantitativ und qualitativ aufwändige, prospektive kontrollierte Studien durchgeführt worden, di erhebliche Korrekturen von Vorstellungen und Schlussfolgerungen nach sich zogen. Zu nennen ist hier die EPIC-Studie (EPIC = European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition) (Van Gils et al 2005, und Riboli 2001, Bofetta et al 2010). In ihr werden seit 1989 mehr als 500.000 Gesunde in verschiedenen Ländern Europas bzgl. Ihres Ernährungsverhaltens beobachtet und ihre Krankheitsereignisse Einflüsse der Ernährung sind zwar wahrscheinlich, aber objektiv schwer nachzuweisen dokumentiert. Sie enthält wesentliche Daten des Lebensstils, Detaildaten
zum Körpergewicht, zur körperlichen Aktivität, zur Ernährung, zum Nikotin- und Alkoholkonsum und den im Verlauf der Studie auftretenden Erkrankungen (Epic). Generell zeichnet sich in der – 2016 noch nicht beendeten – Studie ab, dass kaum eine der früheren Behauptungen zur Ernährung zuverlässig wissenschaftlich untermauert war. Sie ergab, dass einige Ernährungsfaktoren in ihrer Wirkung überschätzt, andere unterschätzt, manche auch völlig falsch eingeschätzt wurden. Sie misst insgesamt den Einflüssen der Ernährung auf die Krebsentstehung eine geringere Bedeutung bei als frühere Studien, bestätigt aber auch manche der schon lange gemachten Beobachtungen, Vermutungen und Empfehlungen.
Zu den wichtigen EPIC-Erkenntnissen gehört, dass der Verzehr von Obst und Gemüse für das Lungenkrebsrisiko von Rauchern durchaus eine Bedeutung hat. Ebenso wie die meisten älteren Studien weist die Studie auf ein erhöhtes Erkrankungsrisiko bei denjenigen Rauchern hin, bei denen der Anteil von Obst in der täglichen Ernährung gering ist. Noch detailliertere Erkenntnisse wird voraussichtlich die 2015 begonnene bundesweite Gesundheitsstudie bringen, in der der Lebensstil, das Gesundheitsverhalten und die Krankheitsereignisse bei 200.000 Bundesbürgern dokumentiert werden sollen.

Beeinflusst Übergewicht das Lungenkrebsrisiko?

Raucher sind infolge des Nikotin beschleunigten Stoffwechsels eher unter- als übergewichtig, so dass man annehmen müsste, dass Untergewicht eher ein Risikofaktor ist. Dies wird jedoch bezweifelt: Übergewichtige Kinder und Studenten sollen später unverhältnismäßig häufig an Krebs, auch an Lungenkrebs erkranken. Von Experten wird vermutet, dass sich Krebsvorstufen und Mikrokarzinome schon viele Jahre, ja Jahrzehnte vor der Krebsdiagnose in der Lunge befinden, die bei einer Insulinresistenz – wie sie typisch bei starkem Übergewicht ist – zum Wachstum angeregt werden.
Gestützt wird diese Hypothese von Beobachtungen, dass Krebserkrankungen bei Übergewichtigen bösartiger verlaufen. In neueren Studien, so unter anderen in der EPIC-Studie, wird auf die Notwendigkeit hingewiesen, zwischen Übergewicht, Fettsucht und atypischer Fettverteilung zu unterscheiden. Starkes Übergewicht soll nur im Zusammenhang mit starkem Taille-Hüft-Umfang (Waist-Hip-Ratio, dem WHtR) von Bedeutung sein (Siegel et al 2010). Der Bauchumfang ist leicht zu messen. Ein erhöhtes Risiko besteht bei Männern ab 92 cm. Er beträgt bei Frauen idealerweise weniger als 80 cm. Das Taille-Hüft-Verhältnis sollte bei ihnen kleiner als 0,85 sein. Es errechnet sich aus dem Quotienten des Taillenumfangs und des Hüftumfangs in Zentimetern.

Ist ein Vitaminmangel für Lungenkrebs (mit)verantwortlich?

Vitaminmangelzustände haben, zumindest in Europa, eine wesentlich geringere Bedeutung als man früher annahm. Zwar haben Lungenkrebspatienten häufig einen niedrigen Vitaminspiegel im Blut, der aber eher Folge als Ursache der Erkrankung ist. Viele Therapiestudien belegen, dass sich trotz laborchemisch feststellbarer Normalisierung eines zuvor erniedrigten Vitaminspiegels
keinerlei positive Auswirkungen auf die Krebsentwicklung ergeben. Es bestätigt sich immer wieder: „Ein verbesserter Laborwert bedeutet noch lange nicht, dass es einem Patienten besser geht!“
Was den Einfluss von Vitaminen auf die Krebsentwicklung anbetrifft, haben neuere Untersuchungen zu erheblichem Umdenken in der Krebsprävention geführt. Früher hatte man den Vitaminen wegen ihrer oxydationsschützenden Wirkung einen hohen präventiven Wert beigemessen. Tatsächlich haben Vitaminmangelzustände in unseren Breitengraden jedoch eine wesentlich geringere Bedeutung als früher angenommen. Bestimmte Nahrungs- und Nahrungsergänzungsmittel, Vitamine, Enzyme, Mineralstoffe und Spurenelemente, die in der Vergangenheit häufig zur Steigerung der Abwehrkräfte und zur Krebsverhinderung empfohlen wurden, gelten heute sogar als schädlich.
Hohe Folsäurespiegel fördern z. B das Wachstum von Polypen. Vitamin E und Betacarotin beschleunigen bei Rauchern das Wachstum latenter Karzinome in der Lunge; die Einnahme von Vitamin E fördert die Entwicklung von Prostatakrebs. Seit 2006 müssen alle Beta Karotin enthaltenden Medikamente einen Warnhinweis aufweisen, dass diese bei Rauchern zu einem erhöhten Risiko für Lungenkrebs führen können. Die Lungenkarzinomhäufigkeit und die Sterberate sind nach Einnahme dieses Provitamins deutlich erhöht. Vitamine und Mineralstoffe, die in Obst und Gemüse reichlich enthalten sind, haben hingegen noch niemandem geschadet, ja die meisten Experten erwarten nach wie vor ein geringeres Krebsrisiko, wenn statt Fleisch bevorzugt Obst und Gemüse den täglichen Speiseplan bestimmen. Die EPIC-Studie bestätigt ein erhöhtes Risiko bei denjenigen Rauchern, die wenig Obst essen. Ausführlicheres hierzu ist im Kapitel II nachzulesen.

Ist Grillen ein Risikofaktor?

Ein großes Medienecho fand die Mitteilung der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC), dass der Verzehr von rotem Fleisch karzinogen für Menschen sei. Hierzu ist zu vermerken, dass man vornehmlich an ein höheres Darmkrebsrisiko und weniger an Lungenkrebs denkt. Allerdings ist es durchaus auch wahrscheinlich, dass sich das im Fleisch befindliche Fett auch ungünstig auf die Entwicklung anderer Karzinome auswirkt. Rotes Fleisch (Rind-, Schweine- und Schaffleisch) wird für bedenklicher als weißes Fleisch (Geflügelfleisch) gehalten. In vielen Studien wird auf schädigende Einflüsse von Grillfleisch verwiesen. Weniger jedoch das gegrillte Fleisch selbst als vielmehr die beim Grillen, Braten und Räuchern anfallenden Schadstoffe bergen ein Risiko. Besonders gefährlich sind die Benzpyrene und die polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffe (PAK), die auch im Zigarettenrauch sowie in Farben und Lösungsmitteln enthalten sind (Sinha et al 2001). Sie entstehen, wenn herabtropfendes Fett und Fleischsaft in die Glut tropft und wenn organisches Material unvollständig verbrennt oder der Rauch das Fleisch durchdringt. Die braune und schwärzende Kruste im Grillfleisch ist besonders gefährlich. Geräucherte und gepökelte Fleischsorten sollten nicht gegrillt werden, denn das in ihnen enthaltene Nitritpökelsalz reagiert bei starker Hitze mit speziellen Eiweißstoffen, den Aminen; es entstehen Nitrosaminen, die verdächtigt werden, Krebs auszulösen. Ungenügend durchgegrilltes rotes Fleisch ist auch deshalb gefährlich, weil sich in ihm krebserregende Polyoma-Viren befinden können, die sich noch bei Temperaturen über 60Grad vermehren.

Ist Alkohol ein Risikofaktor?

Alkohol wird in der Leber zu Acetaldehyd abgebaut, das eine starke krebserregende Wirkung hat. Obstbrände bzw. Reisschnaps enthalten besonders viel Acetaldehyd. Dass 40 bis 50 % der Asiaten eine angeborene Mutation des ALDHGen mit extrem niedriger Enzymaktivität haben, die zu einer erhöhten Konzentration des krebsverursachenden Acetaldehyds im Blut führt, könnte – neben dem starken Tabakabusus, der Umweltverschmutzung und Feinstaubbelastung – eine Ursache für die weit überdurchschnittlich hohe Lungenkarzinomrate in China sein.
Die von Experten angegebenen Schwellenwerte, ab denen Alkoholkonsum gesundheitsgefährdend ist, schwanken je nach Erbanlage, ethnischer Zugehörigkeit, Geschlecht, Alter, Körpergewicht, allgemeinem Gesundheitszustand, Begleiterkrankungen und vielen anderen Faktoren. Fest steht, dass der Schwellenwert bei Frauen niedriger ist als bei Männern.
Allgemein heißt es, dass gegen mäßigen Alkoholkonsum nichts einzuwenden sei, eher gegen hochprozentigen sowie starken Konsum und erst recht bei gleichzeitigem Tabakkonsum. Mäßiger Weinkonsum (< 20 g Alkohol täglich für Männer und < 10 g für Frauen) soll sich möglicherweise positiv auswirken, behaupten einige Experten, ohne allerdings hierfür einen überzeugenden
Nachweis zu bringen. Sicher ist, dass Alkohol ein starkes Kokarzinogen ist. Rauchen und Alkohol potenziert das Lungenkrebsrisiko.

 

Quelle und Buch-Tipp:

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Hermann Delbrück ist Arzt für Hämatologie – Onkologie und Sozialmedizin sowie Rehabilitation und physikalische Therapie und Hochschullehrer für Innere Medizin und Sozialmedizin. Während seiner Laufbahn in der experimentellen, kurativen und vor allem rehabilitativen Onkologie veröffentlichte er mehrere Lehrbücher. Er ist der Herausgeber zahlreicher Ratgeber für Betroffene mit Krebs. Seit seiner Emeritierung 2007 befasst er sich vorrangig mit Fragen der Prävention von Krebs.