Welche Lungenkrebsformen gibt es?

„Lungenkrebs“ ist ein weitläufiger Begriff. Darunter werden verschiedene Erkrankungen in der Lunge, mit unterschiedlicher Bösartigkeit, Herkunft, Ausbreitung und Verhaltensweise, zusammengefasst. Einige Karzinome neigen kaum zu Wachstum und Ausbreitung, andere sind sehr aggressiv und bilden frühzeitig Metastasen in verschiedenen Organen. Die Wahrscheinlichkeit hierfür lässt sich mit feingeweblichen, immunologischen und molekulargenetischen Untersuchungsmethoden teilweise vorhersagen. Je nach Gewebeform und Aggressivität bedürfen die Tumore verschiedener Therapien und wahrscheinlich auch anderer Präventionsmaßnahmen,
zumindest einer unterschiedlichen Gewichtung. Ebenso wenig, wie es keine gegen alle Lungenkrebstypen pauschal wirksame Therapie gibt, existiert auch keine allumfassend wirksame Krebsprävention. Dennoch, es gibt einige Risiken und Vorsorgemaßnahmen, die allen Tumorformen zu Eigen sind. Bösartige Tumore der Lunge gehen vom Lungengewebe aus und zwar speziell von den Zellen, die die Atemwege (Bronchien) auskleiden. Sie sind zu unterscheiden von Absiedlungen anderer Tumore im Lungengewebe (Lungenmetastasen). In diesem Buch geht es lediglich um die vom Lungengewebe ausgehenden Karzinome, nicht um Metastasen.

Kleinzellige und nicht-kleinzellige Karzinome

Man unterscheidet grob zwei Formen von Lungenkrebs: kleinzellige (SCLC) und nicht-kleinzellige Karzinome (NSCLC). Mischformen, die sowohl nicht kleinzellige als auch kleinzellige Gewebestrukturen enthalten, sind häufig. Bei den nicht kleinzelligen Karzinomen unterscheidet man weitere Gewebsformen, so Plattenepithelkarzinome, Adenokarzinome und großzellige Karzinome. Lungenkrebs kann sich in allen Abschnitten der Lunge entwickeln. Mehr als die Hälfte der Tumore kommt aber in den oberen Teilen der Lungenflügel vor – vermutlich weil diese bei der Atmung stärker belüftet werden. Genetische und molekulare Analysen haben in den letzten Jahren
weitere Subtypen identifiziert, deren Unterscheidung für die Behandlung, teilweise auch die Prävention, wichtig ist, die jedoch hier nur
am Rande erwähnt werden.

Statistik der Lungenkrebsformen:

  • Kleinzellige Karzinome (SCLC) (20 bis 25 %)
  • Nichtkleinzellige Karzinome (NSCLC) (75 bis 80 %)
  • Plattenepithelkarzinome (30 bis 40 %)
  • Adenokarzinome (25 bis 30 %)
  • großzellige Karzinome (10 bis 15 %)

Kleinzellige Bronchialkarzinone

Kleinzellige Bronchialkarzinome machen in Deutschland etwa 20 % aller Lungenkrebserkrankungen aus. Starke Raucher erkranken besonders häufig an ihnen. Ihre Häufigkeit hat aber in den letzten Jahren abgenommen. Sie sind überwiegend zentral in der Lunge lokalisiert, sehr aggressiv und breiten sich frühzeitig über die Lunge hinaus in andere Organe aus. Bei den meisten Betroffenen bestehen
schon zum Zeitpunkt der Diagnose Absiedlungen in anderen Organen, weswegen eine alleinige lokale Therapie in Form von Operation
und/oder Strahlentherapie in der Regel nicht ausreicht, sondern einezusätzliche systemische Behandlung mit Medikamenten notwendig ist.

Treibermutationen bei nicht-kleinzelligen Tumoren

Bei etwa 80 % aller Lungentumore handelt es sich um nicht-kleinzellige Erkrankungen. Sie wachsen im Gegensatz zu den kleinzelligen Karzinomen langsam, breiten sich bevorzugt lokal aus und bilden erst spät Fernabsiedlungen. Mit den derzeitigen (bildgebenden)
Untersuchungsmöglichkeiten erkennt man meist nur „die Spitze des Eisberges“ dieser Tumore. Bestimmte Genmutationen (Treibermutationen wie EGFR, KRAS und ALK) findet man sehr häufig. Kann man solche Treibermutationen nachweisen, so sind bestimmte „zielgerichtete“ Therapien indiziert, die den anderen Chemotherapien weit überlegen sind.

Tumor-Vorstufen

Man geht davon aus, dass sich Vorstufen schon lange vor ihrer Entdeckung im Lungengewebe befinden. Wirken Tumorpromotoren ein, so werden diese Vorstufen – auch latente oder schlafend genannte Karzinome – plötzlich aggressiv, dehnen sich aus und
bereiten Beschwerden. Unter den nicht kleinzelligen Karzinomen haben die Adenokarzinome in den letzten Jahren absolut und auch relativ erheblich zugenommen. Man findet sie besonders häufig bei Frauen. Sie sind in Asien wesentlich häufiger als in Europa. Tabakkonsum scheint bei ihnen als Risikofaktor eine wesentlich geringere Rolle als bei den anderen Karzinomtypen zu spielen. Sie sind bei Nichtrauchern der häufigste Lungenkrebstyp.

Tumor des Brustfells

Manche Onkologen zählen die Tumore des Brustfells (Pleuramesotheliom) zu den Lungenkarzinomen; andere ordnen sie wegen ihrer Besonderheiten diesen nicht zu. Pleuramesotheliome zählen zu den aggressivsten Karzinomen. Sie haben in den letzten Jahrzehnten an
Häufigkeit zugenommen. Meist liegt bei Betroffenen ein ursächlicher Zusammenhang mit einer Asbestexposition und gleichzeitigem Tabakabusus vor.

Gibt es auch gutartige Lungentumore?

Es gibt zahlreiche gutartige Tumore in der Lunge, die fälschlich für Karzinome gehalten werden und Anlass für ungerechtfertigte therapeutische Interventionen geben. Einige von ihnen (z. B. Chondrome, Osteome, Lipome, Myxome, Fibrome, Papillome, Hamartome, Gra-
nulome) können allerdings bösartig werden, ja gelegentlich sogar in andere Organe metastasieren.
Am bekanntesten sind die Karzinoide, die vermehrt im Magen- Darmtrakt vorkommen, sich aber auch in den Bronchien (Bronchiales Karzinoid) ansiedeln können. Es sind seltene Neubildungen, die aus der embryonalen Neuralleiste entstehen, meist sehr langsam
wachsen, aber auch aggressiv werden und in Lymphknoten und andere Organe metastasieren können. Sie treten vor allem bei jünge-
ren Menschen auf und wachsen langsam. Die peripheren Rundherde sind meist symptomlos, während die selteneren zentral gelegenen Tumore die Bronchien verschließen, Pneumonien und Blutungen verursachen können. Im Gegensatz zu den Lungenkarzinomen
besteht kein Zusammenhang mit einem Tabakabusus; gelegentlich liegt eine familiäre Disposition vor. Nach chirurgischer Entfernung haben sie eine sehr gute Prognose.

Was versteht man unter Krebsvorstufen, was unter Frühkarzinomen und latenten Karzinomen?

Mit den heutigen, immer empfindlicheren Untersuchungsverfahren gelingt es, Lungenkrebs schon in einem sehr frühen Stadium zu entdecken, wobei die Übergänge von Mikrokarzinomen zu Krebsvorstufen, zu Früh- und latenten Karzinomen fließend sind. Die einen Ärzte setzen atypische Zellansammlungen noch mit Krebsvorstufen gleich, die anderen behandeln sie schon wie Karzinome. Allen Krebsvorstufen, Mikrokarzinomen und Frühkarzinomen gemeinsam ist, dass sie keinerlei Beschwerden bereiten, sich aber zu aggressiven Karzinomen entwickeln können, weshalb sie auch als schlafende und latente Karzinome bezeichnet werden.

Quelle und Buch-Tipp:

Lungenkrebs vermeiden

Hermann Delbrück ist Arzt für Hämatologie – Onkologie und Sozialmedizin sowie Rehabilitation und physikalische Therapie und Hochschullehrer für Innere Medizin und Sozialmedizin. Während seiner Laufbahn in der experimentellen, kurativen und vor allem rehabilitativen Onkologie veröffentlichte er mehrere Lehrbücher. Er ist der Herausgeber zahlreicher Ratgeber für Betroffene mit Krebs. Seit seiner Emeritierung 2007 befasst er sich vorrangig mit Fragen der Prävention von Krebs.