Darmkrebs: Was ist Darmkrebs? Welche Karzinome gibt es?

„Darmkrebs“ ist ein sehr weitläufiger Begriff. Darunter werden Krebserkrankungen im Dickdarm (Kolon) und Enddarm (Rektum) mit unterschiedlicher Bösartigkeit, Herkunft und Verhaltensweise zusammengefasst. Manche Präventionsmediziner zählen auch die Tumore des Afters hinzu (Mastdarm = Analkarzinom). Andere ordnen diese Tumore, ebenso wie die Dünndarmkarzinome, allerdings nicht den Darmkarzinomen zu. Die für jene Krebsarten notwendigen Präventionsmaßnahmen werden hier nur am Rande kommentiert.

Einige Darmkarzinome neigen kaum zum Wachstum und zur Ausbreitung, andere sind hingegen sehr aggressiv und bilden frühzeitig Metastasen in weiteren Organen. Die Wahrscheinlichkeit hierfür lässt sich mit feingeweblichen, immunologischen und molekulargenetischen Untersuchungsmethoden teilweise vorhersagen. Je nach Differenzierung, Gewebeform und Lokalisation bedürfen die Tumore verschiedener Präventionsmaßnahmen, zumindest einer unterschiedlichen Gewichtung. Genau so wenig, wie es keine, gegen alle Karzinome pauschal wirksame Therapie gibt, existiert auch keine allumfassend wirksame Krebsprävention.

Die Differenzierung, die in der Therapie inzwischen selbstverständlich geworden ist, gilt auch für die Prävention. Viele Missverständnisse erklären sich mit der Pauschalisierung des Begriffs „Darmkrebs“. Es gibt jedoch einige Risiken und Vorsorgemaßnahmen, die allen Tumorformen zu eigen sind.

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Die häufigsten bösartigen Tumoren im Darm

Folgend in absteigender Reihenfolge die häufigsten bösartigen Darmkrebs-Typen je nach Gewebetyp:

  1. Adenokarzinome
  2. Muzinöse Adenokarzinome
  3. Plattenepithelkarzinome
  4. Adeno-squamöse Karzinome
  5. Kleinzellige Karzinome
  6. Lymphome
  7. Sarkome
  8. Metastasen
  9. Karzinoide
  10. Histiozytome
  11. Melanom

 

Was versteht man unter Krebsvorstufen, was unter Frühkarzinomen?

80 bis 90% sind Adenokarzinome, die sich aus Adenomen (Polypen) der Darmschleimhaut ableiten. Mit den heute immer empfindlicheren Untersuchungsverfahren gelingt es, diese Krebsvorstufen schon in einem sehr frühen Stadium zu entdecken, in dem die Übergänge von Adenomen zu Karzinomen fließend sind. Einige Experten setzen größere Adenome (Polypen) mit Krebsvorstufen, andere schon mit Frühkarzinomen gleich. Nicht aus jedem Adenom wird ein Krebs; die Wahrscheinlichkeit hierfür korreliert mit der Größe und den molekulargenetischen Besonderheiten der Adenome, aber auch mit der familiären Belastung, Umwelteinflüssen, den Lebensgewohnheiten, dem „Lifestyle“ und der Ernährung der Betroffenen.

 

Gibt es unterschiedliche Adenome (Polypen)?

Adenome, auch Polypen genannt, sind Wucherungen der Schleimhaut, die im gesamten Verdauungstrakt vorkommen. Manche wachsen eher warzenartig als kleine Hügel, andere wie gestielte Pilze. Sie sind die erste sichtbare Stufe der Krebsentstehung. Neben polypoider Wachstumsform gibt es flache Adenome, bei denen die Schleimhaut nur leicht erhaben, vorgewölbt oder muldenartig eingezogen ist, sodass sie bei der Endoskopie schwerer auf zu finden sind. Solange die Adenome klein sind (kleiner als 5 mm), sind diese „hyperplastischen Polypen“ harmlos, es sei denn, es handelt sich um „serrierte Adenome“ (auch serratierte Adenome genannt) Die Einteilung der Adenome erfolgt nach WHO-Richtlinien in niedriggradige (leichtgradige intraepitheliale Neoplasien = LGIEN) und hochgradige Formen (hochgradige intraepitheliale Neoplasien = HGIEN). Je nach Wachstumsmuster unterscheidet man tubuläre Adenome (70 bis 80% aller Adenome), villöse Adenome, und tubulovillöse Adenome (ca. 20% aller Adenome). Mit höherem Lebensalter steigt die Zahl hochgradiger Formen (HGIEN) und somit die Gefahr des Übergangs in ein invasives Karzinom. Am häufigsten sind tubuläre Adenome. Sie sind gestielt oder breitbasig aufsitzend.

Meist sind sie klein und dann harmlos. Die Wahrscheinlichkeit, dass aus ihnen ein Karzinom entsteht, ist abhängig von ihrer Größe. Villöse Adenome besitzen ein hohes Entartungsrisiko. Sie sind meist größer als tubuläre Adenome und befinden sich besonders häufig im Enddarm (Rektum). Die Entartungswahrscheinlichkeit liegt bei über 30%. Sind sie größer als 2 cm, so erhöht sich das Risiko sogar auf mehr als 50%. Tubulovillöse Adenome sind eine Mischform der beiden erstgenannten Adenomformen. Sie stellen die zweithäufigste klassische Adenomform dar. Serrierte (serratierte) Adenome sind klein, flach und erhaben; sie werden deswegen häufig mit harmlosen hyperplastischen Adenomen verwechselt und bei der Koloskopie übersehen. Typisch ist ihre sägezahnartige Architektur (Schönfeld et al. 2010). Im höheren Alter, bei Frauen und bei Rauchern findet man sie häufiger. In Genanalysen konnte belegt werden, dass bei ihnen – in Abweichung der klassischen Adenom-Karzinom-Sequenz – oft Mutationen vorliegen, die für einen alternativen Karzinogenese-Prozess sprechen. Betroffene mit serratierten Adenomen sollten daher besonders sorgfältig kontrolliert werden; es sind z. B. häufigere Darmspiegelungen notwendig.

 

Wie lange dauert es, bis aus einem Adenom Darmkrebs wird?

Bis sich in der Darmschleimhaut Adenome (Polypen) bilden, darin Zellatypien entwickeln und schließlich Krebs entsteht („AdenomKarzinom-Sequenz“), vergehen meist mehrere Jahre, möglicherweise Jahrzehnte. Man rechnet mit weiteren Jahren, bis der Krebs sichtbar wird und noch weitere Zeit, bis er Beschwerden bereitet und schließlich Fernabsiedlungen in anderen Organen bildet. Genetische Besonderheiten der Zellen, die Größe der Adenome und äußere, teilweise vermeidbare Einflüsse entscheiden darüber, ob und in welcher Zeit die Krebsentwicklung stattfindet. Durchschnittlich vergrößern Adenome alle zwei Jahre ihr Volumen um >50%. Die Zeitdauer verkürzt sich mit zunehmender Größe der Adenome (Polypen). Neben wachstumsfördernden Risiken gibt es auch wachstumshemmende Einflüsse, die über die Zeitspanne bis zum Krebsausbruch entscheiden.

Neben der klassischen über mehrere Jahre dauernden „AdenomKarzinom-Sequenz“ gibt es einen weiteren Entwicklungspfad, nämlich die sogenannte serrierte Karzinomgenese, als deren Vorläufer das flache (sessile) serrierte Adenom gilt. Die Krebsentwicklung bei diesen serrierten Adenomen verläuft wesentlich schneller. Man nimmt einen solchen Entwicklungspfad bei bis zu 20% der Krebserkrankungen an. Sich der verschiedenen Einflüsse bewusst zu sein und entsprechend zu verhalten, ist Ziel der primären Prävention. Sind die Risiken groß, müssen die in Kapitel II besprochenen Vorbeuge-Maßnahmen besonders ernst genommen und auch die in Kapitel III kommentierten Vorsorge- Früherkennungs-Untersuchungen intensiver durchgeführt werden.

Kann man von der Größe der Adenome auf deren Bösartigkeit schließen?

Nur etwa 4 bis 6% der zwischen 6 und 9 mm großen Polypen sind verdächtig. Sind sie größer (>10 mm), so steigt der Gefährdungsgrad. Bei 10 bis 20 mm großen Adenomen ist das Risiko zweimal und bei >20 mm dreimal so hoch wie bei Adenomen

 

Worum geht es in der Präventionsforschung?

Warum einige Menschen an Darmkrebs erkranken, andere hingegen bis ins hohe Alter gesund bleiben, ist Gegenstand der Präventionsforschung. Nicht nur die Entstehungsrisiken versucht man zu ermitteln, sondern man geht auch der Frage nach, wieso sich einige Tumore und Tumorvorstufen lange ruhig verhalten, andere hingegen sehr rasch wachsen und bösartig werden. Die Erkenntnisse hierzu stammen maßgeblich aus der Krebsepidemiologie. Nach wie vor gibt es in der Krebsprävention mehr Hypothesen als auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhende Erklärungen; jedoch weiß man heute wesentlich besser, welche Einflüsse zur Krebsentstehung führen, welche Verhaltensweisen das Wachstum begünstigen, wie man Erkrankungsrisiken vermeiden kann und wer Präventionsmaßnahmen besonders ernst nehmen sollte.

Es besteht allgemeine Übereinstimmung, dass es sich bei den meisten Darmkrebserkrankungen um ein multifaktorielles, d. h. durch viele Ursachen bestimmtes und nur selten monokausales Krankheitsgeschehen handelt. In der Regel müssen mehrere Risikofaktoren zu verschiedenen Zeiten und in unterschiedlichen Schritten zusammentreffen, damit es schließlich zum Ausbruch einer Krebserkrankung kommt. Manche Risikofaktoren sind dominanter als andere.

Quelle und Leseempfehlung zur Darmkrebs-Vorsorge:

Darmkrebs vermeiden (Personalisierte Krebsvorsorge und Früherkennung)

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Über den Autor Prof Dr. Hermann Delbrück

Hermann Delbrück ist Arzt für Hämatologie – Onkologie und Sozialmedizin sowie Rehabilitation und physikalische Therapie und Hochschullehrer für Innere Medizin und Sozialmedizin. Während seiner Laufbahn in der experimentellen, kurativen und vor allem rehabilitativen Onkologie veröffentlichte mehrere Lehrbücher. Er ist der Herausgeber zahlreicher Ratgeber für Betroffene mit Krebs. Seit seiner Emeritierung 2007 befasst er sich vorrangig mit Fragen der Prävention von Krebs.

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