Übergewicht und Bauchspeicheldrüsenkrebs, Schildrüsenkrebs und Speiseröhrenkrebs

Hodenkrebs Symbolbild

Ratgeber Übergewicht und Krebs

Die Weltgesundheitsorganisation betrachtet starkes Übergewicht (Adipositas) und Bewegungsarmut als das weltweit am schnellsten wachsende Gesundheitsproblem. Sie spricht von einer Epidemie, die ebenso energisch bekämpft werden müsse wie die tödlichen Infektionskrankheiten. Gelinge es nicht, dieses nach dem Nikotinkonsum größte Krebsrisiko einzudämmen, so erwarte uns in den nächsten Jahren „ein Tsunami“ an Krebsneuerkrankungen.
Im vorliegenden Band werden die häufigsten diätetischen, medikamentösen, chirurgischen, psychologischen, apparativen und körperlich-sportlichen Abnehmeprogrammen, Empfehlungen und Ernährungsdogmen hinsichtlich ihres Nutzens und ihrer Nebenwirkungen – speziell in Bezug auf das Krebsgeschehen – analysiert und kommentiert.

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Bauchspeicheldrüsenkrebs 

Risiken für Bauchspeicheldrüsenkrebs, im Vergleich zur Normalbevölkerung (X = wahrscheinlich erhöht, XX = doppelt so hoch, XXX = mehr als doppelt so hoch, XXXX = sehr hohes Risiko)

  • Erbliche Krankheitssyndrome XXXX
  • Zwei erkrankte Verwandte mit Bauchspeicheldrüsenkrebs (einer erstgradig): XXXX
  • Chronisch vererbte Bauchspeicheldrüsenentzündung: XXXX
  • BRCA2-Genträger:  XXXX
  • Vorstufenzellen Pancreatic Intraepithelial Neoplasia (PanIN) und Intraductal Papillary Mucinous Neoplasia (IPMN): XXXX
  • Starkes Übergewicht in und seit der Jugend (BMI > 35): XXX
  • Starker Tabakkonsum: XXX
  • Insulinresistenz: XXX
  • Ein erstgradig Verwandter, der im Alter von < 60 Jahren an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt ist: XXX
  • Hoher Nüchternblutzucker-Spiegel: XXX
  • Träger von Keimbahnmutationen XX
  • Bewegungsarmut: XX
  • Diabetes Typ 2: XX
  • Langjährige, chronische Bauchspeicheldrüsenentzündung (z. B. infolge chronischen Alkoholkonsums): XX
  • Alkoholmissbrauch: XX
  • BRCA1-Genträger: X
  • An Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankter Ehepartner: X
  • Mäßiger Alkoholkonsum: X
  • Frühere Magenoperation: X
  • Steinleiden: X
  • Enorme Körpergröße:    X
  • Langzeit-Einnahme von Protonenpumpenhemmern: X
  • Risiken am Arbeitsplatz: X

Weltweit haben sich die Neuerkrankungen und Todesfälle im Zeitraum von 1990 bis 2017 mehr als verdoppelt. Als Ursachen hierfür nimmt man die höhere Lebenserwartung, den Anstieg des Körpergewichts sowie die geringere körperliche Aktivität an. Ein Zusammenhang mit Übergewicht wird besonders in den wohlhabenden Ländern diskutiert.

Männer mit einem Taillenumfang von mehr als 120 cm – bzw. Frauen mit einem Umfang von mehr als 110 cm – sind besonders bedroht (Kim et al 2009). Die relative Risikoerhöhung (im Vergleich zu Normalgewichtigen) beträgt bei stark Übergewichtigen (BMI > 30 kg/m2) 36 % (Behrens et al 2018). Die Krankheit verläuft bei ihnen auch ungünstiger (Richter 2008, Siegel et al 2010, Aune et al 2011, Arslan et al 2010). Das niedrigste Krebsrisiko besteht bei einem BMI um 21 mit geringem Bauchumfang (WHtR), das größte Risiko hingegen bei einem BMI von > 35 und großer Taillenweite (Arslan et al 2010, Aune et al 2011).

Starkes Übergewicht in der Jugend wirkt sich besonders ungünstig auf die spätere Erkrankungsentwicklung aus (Meydan et al 2018). Als gesichert gilt, dass ein hoher BMI-Wert im mittleren Alter eher ein Erkrankungsrisiko mit sich bringt als ein hoher BMI-Wert bei Senioren (Jacobs et al 2020). Levi et al (2018) wiesen – unter Bezugnahme auf dreißig Jahre währende Verlaufsuntersuchungen bei Wehrpflichtigen – nach, dass weniger das Körpergewicht zum Zeitpunkt der Krebsentdeckung als vielmehr das Gewicht in jungen Jahren ausschlaggebend ist.

Ob Langzeitanwender von Protonenpumpenhemmern ein erhöhtes Risiko haben, wird diskutiert (Brusselaers et al 2019).

Zum möglichen Wirkmechanimus von Übergewicht auf die Krankheitsentstehung gibt es nur Hypothesen. So diskutiert man einen Zusammenhang mit der Insulinresistenz (Halle und Schoenberg 2009). Einige Ernährungswissenschaftler vermuten Zusammenhänge mit einer gestörten Darmflora (Dysbiose), andere mit Bauchfett (Adipozyten) (Berrington et al 2006).

Kommentar und Empfehlungen: Zu unterscheiden sind von der Drüse und von der Papille ausgehende Karzinome (Papillentumore). Letztere befinden sich an der Einmündungsstelle der Gallen- und Bauchspeicheldrüsengänge in den Zwölffingerdarm (Papilla Vateri). Ursachen, Beschwerdesymptomatik, Therapie und Prognose differieren in beiden Fällen. Oftmals ist jedoch eine Gelbsucht das erste Symptom – sowohl bei den Papillentumoren als auch den vom Bauchspeicheldrüsenkopf ausgehenden Malignomen.

Der Verzicht auf Tabak- und Alkoholkonsum, die Reduzierung von Übergewicht und Erhöhung der körperlichen Aktivität sind die wesentlichsten Vorbeugemaßnahmen. Wichtig ist, dass man diese Empfehlungen schon im jugendlichen Erwachsenenalter (< 50 Jahre) beachtet, da ansonsten angeborene Krebsgene aktiviert und eventuelle Krebs-Vorläuferzellen zum Wachstum angeregt werden. Sicher ist, dass dem Bauchspeicheldrüsenkrebs eine sehr viel längere Vorlaufzeit vorausgeht als der relativ aggressive Krankheitsverlauf vermuten lässt.

Die meisten Zysten sind gutartig, einige können sich aber zu einem Karzinom entwickeln. Etwa 4 % der chronischen Pankreasentzündungen gehen in ein Karzinom über.

Kommentar zur Relevanz der Krebsvorsorge-Früherkennung: Für Bauchspeicheldrüsenkrebs gibt es bislang kein gesetzliches Krebs-Früherkennungs-Programm, gleichwohl man den Krebs – gute Untersuchungsbedingungen vorausgesetzt – wahrscheinlich lange vor Beschwerdebeginn erkennen könnte. Ergebnisse aus Untersuchungen mit Bluttests (Liquid biopsy) lassen hoffen, dass zukünftig ein vorzeitigeres Erkennen möglich sein wird (Cohen et al 2017).

Bei einer familiären Disposition sollten ab dem 50. Lebensjahr Vorsorge-Früherkennungsmaßnahmen durchgeführt werden.

Relativ häufig wird bis zu 3 Jahre vor der Krebsdiagnose ein hoher Blutzucker festgestellt. Menschen, die in hohem Alter an Typ-1-Diabetes erkranken, haben ein erhöhtes Erkrankungsrisiko. Bei ihnen sollte man eine Bauchspeicheldrüsenkrebs-Erkrankung ausschließen.

 

Schilddrüsenkarzinom 

Stark Übergewichtige haben ein höheres Risiko für einen papillären, follikulären oder anaplastischen Gewebetyp – nicht aber für ein medulläres Schilddrüsenkarzinom. Die Tumore sollen aggressiver verlaufen als bei schlanken Frauen: RR = 1,25 bis 1,5 (Harari, A et al 2012, Echmid et al 2015). Metaanalysen, die das Krebsrisiko bei adipösen und normalgewichtigen Frauen verglichen haben, zeigen einen Häufigkeitsunterschied von 29 % (Behrens et al 2018).

Kommentar und Empfehlungen: Es bleibt unklar, ob das erhöhte Krebsrisiko durch die Adipositas selbst bedingt ist oder ob die erschwerten Untersuchungsbedingungen an der späten Krebserkennung – und damit schlechteren Prognose – schuld sind.

Ein hoher Prozentsatz der Tumore ist latent und bereitet keine Beschwerden. Einige Autoren behaupten, bei über 70 % der entdeckten Karzinome handle es sich um Überdiagnosen.

Eine Bestrahlung des Halsbereichs erhöht das Erkrankungsrisiko für ein papilläres Schilddrüsenkarzinom. Kinder reagieren dabei um ein Vielfaches empfindlicher als Erwachsene.

 

Mundhöhlen- und Rachenkrebs 

Übergewicht hat nach bisherigen Erkenntnissen keinen Einfluss auf die Entstehung dieser Krebserkrankung. Patienten mit Mundhöhlenkrebs sind – wahrscheinlich infolge des Nikotinabusus – zumeist eher untergewichtig. Während starker Alkohol- und Tabakabusus – bei gleichzeitiger schlechter Mundhygiene – die häufigste Ursache für Krebs in der vorderen Mundhöhle ist, verursachen HPV16-Infektionen häufiger Karzinome in der hinteren Mundhöhle und im Rachen.

Kommentar und Empfehlungen: Ein möglicher Grund für die starke Zunahme von Karzinomen in der Mundhöhle und im Rachen ist das heutzutage liberalere Sexualverhalten (Oralsex). HPV-Impfungen im jugendlichen Alter können HPV-Infektionen in Mundhöhle und Rachen verhindern, und damit einer bösartigen Entartung vorbeugen.

 

Kopf-Hals-Bereich (Kehlkopfkrebs) 

Übergewicht hat keinen Einfluss auf die Krebsentwicklung. Betroffene haben, infolge des häufigen Tabakabusus, eher Unter- als Übergewicht. Zentraler Risikofaktor ist der Tabak- und Alkoholkonsum.

 

Speiseröhrenkrebs 

Übergewicht beeinflusst nicht die Entstehung der im oberen und mittleren Abschnitt der Speiseröhre auftretenden Plattenepithelkarzinome. Tabak- und Alkoholabusus sind hier die häufigsten Ursachen. Klinische Epidemiologen äußern sogar die Vermutung, dass Übergewichtige seltener an Plattenkarzinomen in der Speiseröhre erkranken.

Anders verhält es sich mit den im unteren Drittel der Speiseröhre auftretenden Adenokarzinomen (Vaughan et al 1995). Übergewicht ist hier sehr häufig die Ursache. Das liegt an dem oftmals chronischen Rückfluss von Magensaft bei stark Übergewichtigen. Er führt zu einer chronischen Schleimhautentzündung, die die Entstehung von Krebs begünstigt (Lagergren 2011). Der Säurereflux (Barrett Ösophagus) muss allerdings lange bestehen, damit es zur Krebsbildung kommt (Chow et al 1998). Krebsfördernd sind auch die – häufig vom Bauchfett ausgehenden – Entzündungsmediatoren sowie die Insulinresistenz.

Kommentar und Empfehlungen: Bei starkem Übergewicht und chronischem Sodbrennen sollten regelmäßig endoskopische Spiegelungen der Speiseröhre zur Früherkennung von Adenokarzinomen durchgeführt werden. Einige konservative Maßnahmen helfen dabei, den Säure-Rückfluss zu verhindern (Delbrück 2007). Die prophylaktische Einnahme von Protonenpumpenhemmern (Magenschutzpräparate) hilft zwar, ist als Langzeitprophylaxe jedoch umstritten. Es gibt Verdachtsmomente, dass sie die Magenkrebsentstehung sogar begünstigen. Besteht die Entzündung trotz konservativer Maßnahmen weiter, so sollte man eine Antireflux-Operation oder eine bariatrische Operation) in Erwägung ziehen, um den Rückfluss von Magensäure zu hemmen.

Gallengangskarzinom (Cholangiokarzinom) 

Starkes Übergewicht zählt zu den Risikofaktoren für ein in der Leber entstehendes (intrahepatisches) Gallengangskarzinom. Das relative Risiko beträgt, im Vergleich zu Normalgewichtigen, RR = 1,49 (Kyrgiou, M et al; BMJ 356:477, 2017). Als weiteren Risikofaktor diskutiert man die B und die C-Hepatitis.

Gallengangsentzündungen (primär sklerosierende Cholangitis) sowie ein Reflux der Bauchspeicheldrüsensäfte sind Risikofaktoren für außerhalb der Leber entstehende Gallengangskarzinome.

Gallenblasenkarzinom 

Neben Gallensteinen, einer chronischen Gallenblasenentzündung sowie entzündlichen Darm- und Lebererkrankungen (Primär sklerosierende Cholangitis) zählt starkes Übergewicht zu den bedeutendsten Risikofaktoren (World Cancer Research Fund International 2015, 2018). Metaanalysen von Studien zeigen eine relative Risikoerhöhung um 67 % (Behrens et al 2018). Als Ursache vermutet man chronische Entzündungen im Zusammenhang mit Gallensteinen (unter denen Übergewichtige häufig leiden). Sie verursachen narbige Veränderungen und einen ständigen Wachstumsreiz auf die Schleimhaut.

Kommentar und Empfehlungen: Gewichtsreduzierende Maßnahmen schützen sowohl vor Gallensteinen als auch vor Gallenblasenkrebs. Die Gallenblasenentfernung bei chronischen Entzündungen dient auch zur Krebsprophylaxe.

Kommentar zur Relevanz der Krebsvorsorge-Früherkennung: Bei stark Übergewichtigen werden regelmäßige Lebersonographien empfohlen.

Die Entfernung der Gallenblase (Cholezystektomie) wird prophylaktisch bei Patienten mit einer primär sklerosierenden Cholangitis und Gallenblasenpolypen mit 8 mm Durchmesser empfohlen. 

Quelle und Buchempfehlung:
Übergewicht und Krebs: Empfehlungen zur Gewichtsabnahme und Krebsvorbeugung (Personalisierte Krebsvorsorge und Früherkennung) Band 7

Hermann Delbrück ist Arzt für Hämatologie – Onkologie und Sozialmedizin sowie Rehabilitation und physikalische Therapie und Hochschullehrer für Innere Medizin und Sozialmedizin. Während seiner Laufbahn in der experimentellen, kurativen und vor allem rehabilitativen Onkologie veröffentlichte er mehrere Lehrbücher. Er ist der Herausgeber zahlreicher Ratgeber für Betroffene mit Krebs. Seit seiner Emeritierung 2007 befasst er sich vorrangig mit Fragen der Prävention von Krebs.