Übergewicht in den verschiedenen Phasen einer Krebserkrankung

Diagnostische Phase einer Krebserkrankung

Leider nehmen viele Menschen die Möglichkeit einer Krebsvorsorge-Früherkennung nicht wahr. Einer der Gründe hierfür ist das Schamgefühl korpulenter Frauen und Männer. Dabei sollten gerade sie, wegen ihrer höheren Krebsgefährdung, die Möglichkeit der Vorsorge-Früherkennung nutzen.

Nicht nur die Blutentnahme ist bei Übergewichtigen häufig problematisch, auch die Aussagekraft von Laboruntersuchungen ist erschwert, besonders diejenige von Tumormarkern. So ist die Aussagekraft der PSA-Bestimmung bei stark übergewichtigen Männern eingeschränkt (Modesitt et al 2005, Clarke et al 2018). Bildgebende diagnostische Verfahren sind weniger aussagekräftig. Infolge der schwierigeren sonographischen Untersuchungsbedingungen wird Gallenblasenkrebs oft irrtümlich einer chronischen Gallenblasenentzündung zugeordnet – und daher zu spät behandelt. Probleme bereitet die sonographische Erkennung von Bauchspeicheldrüsenkrebs. Dagegen lassen sich Veränderungen in einer Fettleber oder in der Niere bei einer höheren Fettdurchsetzung besser erkennen.

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Krebs-Therapiephase

Der höhere Körperfettanteil, das vergrößerte Blutvolumen sowie die veränderte Plasma-Eiweißbindung führen zu einer veränderten Pharmakokinetik von Zytostatika. Fettleibige Brustkrebspatientinnen, die mit einer auf Docetaxel basierenden Chemotherapie behandelt wurden, haben ein signifikant schlechteres krankheitsfreies Überleben (DFS) und Gesamtüberleben (OS) als schlanke Patienten, die mit derselben Chemotherapie behandelt werden. Hormontherapien sind schwerer zu dosieren. Dosismodifikationen sind notwendig (Feliciano et al 2017). Medikamente werden bei einer Fettleber häufig unter-, gelegentlich aber auch überdosiert. Übergewichtige Kinder mit akuter Leukämie sollen deswegen häufiger Krankheitsrückfälle haben, weil die Zytostatika bei ihnen nicht in ausreichender Konzentration wirken.

Die Dysbiose (beeinträchtigte Darmflora) verändert die Wirkung bestimmter Immuntherapeutika und kann zu Therapieabbrüchen führen. Die Strahlenplanung ist erschwert, weshalb Lokal- und Randrezidive häufiger sind. Die Operationsrisiken sind manchmal so hoch, dass der Arzt den chirurgischen Eingriff verschiebt bzw. erst nach einer signifikanten Gewichtsabnahme wagt.

Der Wirkmechanismus, aufgrund dessen einige Arzneimittel zu Übergewicht führen, ist sehr unterschiedlich. Ein paar Medikamente beeinflussen die Energiebilanz direkt, andere indirekt, indem sie den Appetit steigern oder das Sättigungsgefühl reduzieren. Wiederum andere führen zu einer Fett- oder Wassereinlagerung.

Medikamente, die als Nebenwirkung Übergewicht fördern:

  • Medikamente, die den Geschmackssinn, das Hungergefühl und/oder den Appetit beeinflussen: B. Gestagene, trizyklische Antidepressiva, Neuroleptika, Antiepileptika, Antidiabetika, Glucocorticoide, Betablocker.
  • Medikamente, die eine Flüssigkeitseinlagerung (falsches Übergewicht) verursachen: B. einige Bluthochdruckmittel, Geschlechtshormone, Neuroleptika, Kortikosteroide und Betablocker.
  • Medikamente, die nach ihrer Absetzung eine Gewichtssteigerung verursachen: B. Sympathikomimetika und NO-Donatoren (wie Viagra).
  • Medikamente, die auf bestimmte Hirnzentren wirken und z. B. die Regulation von Hunger und Sättigung beeinflussen.
  • Medikamente, die den Appetit erhöhen: B. tri- und tetrazyklische Antidepressiva, Cannabis, Corticosteroide. Manche Chemotherapieprotokolle enthalten Kortison bzw. Dexamethason, die den Appetit anregen. Mehr als die Hälfte der Patienten, die Psychopharmaka einnehmen, klagt über eine Gewichtszunahme.
  • Medikamente, die den Stoffwechsel verlangsamen: B. reduziert Lithium die Schilddrüsenfunktion und senkt so den Stoffwechsel (so, dass weniger Energien verbraucht werden). Auch das blutzuckersenkende Insulin kann über eine Hemmung des Fettabbaus eine Gewichtszunahme herbeiführen.
  • Medikamente, die die Darmflora (Mikrobiom) verändern: B. Antibiotika (die in der Masthühnchenzucht auch deshalb eingesetzt werden, weil sie angeblich das Gewicht erhöhen). Wiederholte Antibiotikatherapien bei Kindern unter vier Jahren führen zu Übergewicht. Einige Epidemiologen behaupten, die Zunahme von Größe und Gewicht bei der Bevölkerung in China u. a. durch den dort hohen Antibiotikagehalt im Trinkwasser verursacht sei.
  • Medikamente mit hormoneller Wirkung: Östrogene, die Antibabypille und Cortison können den Appetit erhöhen und über eine Wassereinlagerung zu Übergewicht führen.
  • Insulin hemmt den Fettabbau und führt so zu einer Fetteinlagerung.
  • Unter Verdacht stehen Antibiotika, die in Spuren das Trinkwasser verunreinigen: z. B. sogenannte Weichmacher in Plastikprodukten (wie etwa Bisphenol A oder Phthalsäurereste).

 

Kommentar und Empfehlungen: Manche Medikamente erhöhen nur scheinbar das Körpergewicht, weil sie die Einlagerung von Wasser bzw. Lymphe im Gewebe fördern (falsches Übergewicht).

Eine nach der Körperoberfläche berechnete Medikamenten-Dosierung ist bei Übergewicht problematisch (Barth, J 2012). Individueller und aussagekräftiger wäre, wenn man die Muskelmasse bei der Dosierung mit einbezieht.

Besteht Verdacht auf eine medikamentös verursachte Gewichtszunahme, so sollte man nicht eigenmächtig die Medikamente absetzen, sondern sich in der Apotheke beraten lassen und gegebenenfalls einen Medikamentenwechsel vornehmen.

 

Krebs Krankheitsphase

Vor allem Brustkrebspatientinnen behaupten gelegentlich, sie hätten unter der Behandlung an Gewicht zugenommen. Dabei ist es oft schwierig, direkte oder indirekte Zusammenhänge mit der Medikation nachzuweisen. Zwar wird die Gewichtszunahme in den Beipackzetteln von Hormonpräparaten häufig nicht als Nebenwirkung aufgeführt. Dennoch behaupten etwa 30 % der Brustkrebspatientinnen, unter der Hormontherapie an Gewicht zugenommen zu haben – zum Teil in erheblichem Maße (Ee et al 2020).

Mögliche Ursachen für eine Gewichtszunahme während einer Krebsbehandlung:

  • Dass Krebserkrankungen bei stark Übergewichtigen aggressiver verlaufen, könnte u. a. daran liegen, dass die Invasionsbereitschaft für Krebszellen im Gewebe (Mikromilieu) bei ihnen höher ist.
  • Eine weitere Ursache könnte die Aktivierung (schlafender) Krebsgene und/oder die Schwächung der Immunabwehr sein (Hayashi, N et al 2014).
  • Patienten, die zuvor sehr aktiv gewesen sind, glauben, sie müssten sich während oder nach der Therapie körperlich schonen. So gehen sie a. nicht mehr ihren gewohnten körperlichen und sportlichen Aktivitäten nach. Die Energiebilanz stimmt dann nicht mehr.
  • Bei einer schmerzhaften Nahrungsaufnahme werden die notwendigen Kalorien in Form flüssiger Nahrung eingenommen. Gar nicht selten liegt die Energieaufnahme dann über dem Energiebedarf.
  • Mancher Krebserkrankte glaubt, möglichst viel essen zu müssen, da er im Abwehrkampf gegen den Krebs mehr Kraft benötigt.
  • Gewichtssteigernd ist manchmal der Alkoholkonsum, mit dem einige Krebserkrankte ihre Ängste bekämpfen wollen. Alkohol ist bekanntlich sehr kalorienhaltig.
  • Chemotherapien wirken sich mitunter auf den Geschmackssinn aus. Das kann den Appetit negativ beeinflussen, mitunter aber auch das Gegenteil, eine erhöhte Kalorienaufnahme, zur Folge haben. Betroffene und Angehörige sind häufig froh, wenn sie überhaupt etwas finden, das dem Erkrankten schmeckt. Überlegungen zu in den Nahrungsmitteln enthaltenen Kalorien sind dann sekundär.
  • Gelegentlich gibt es die Vorstellung, dass man sich, angesichts einer schwierigen Lebenssituation, etwas gönnen darf, worauf man früher, aus „Gründen der Figur“, verzichtet hat. Einige Krebskranke lassen sich gehen.

Kommentar: Die meisten Onkologen warnen vor einer zu starken Gewichtszunahme. Dadurch könnte die Aggressivität der Krebszellen verstärkt werden, sagen sie.

 

Krebs-Nachsorgephase

Eine Gewichtszunahme in der Nachsorge wird im Allgemeinen positiv bewertet, gleichwohl ein Fortschreiten der Krankheit und somit ein Rückfall hierdurch möglich ist.

Gesichert ist ein erhöhtes Wiedererkrankungsrisiko bei übergewichtigen Brustkrebspatientinnen nach den Wechseljahren. Hierfür gibt es mehrere Ursachen. Zu ihnen zählen die hormonelle Umstellung und Bewegungsarmut. Starkes Übergewicht ist in der Regel mit Immobilität assoziiert, einem Risiko für den Krankheitsrückfall.

Kommentar und Empfehlungen: Bei stark Übergewichtigen sind Nachsorgeuntersuchungen besonders wichtig.

Gelegentlich kommt es aufgrund der adjuvanten Medikation (Medikamente zur Rezidivprophylaxe) zu einer Gewichtszunahme, so z. B. bei einer Langzeit-Einnahme von Steroiden und antihormonell wirkenden Substanzen.

Für den krebshemmenden Effekt einer ketogenen Diät – die angeblich „Krebszellen“ aushungern soll – gibt es keine wissenschaftlichen Nachweise.

Rehabilitationsphase

Stark übergewichtige Krebspatienten stellen in vielerlei Hinsicht besondere Anforderungen an das Rehabilitationsteam. Je größer das Körpergewicht, desto vielfältiger sind die Probleme (Delbrück 2004, 2007, 2009). Bauchwand- und Narbenbrüche sind nach einer Bauchoperation häufiger und erschweren die Physiotherapie. Die Versorgung eines künstlichen Darmausgangs (Colostoma) bei Übergewichtigen verlangt spezielle Kenntnisse des Stomatherapeuten. Wegen eines Bauchwandbruches (parastomale Hernie), Einziehungen (Retraktionen) und Infektionen am Stoma ist bei ihnen eine Irrigation kaum durchführbar. Die prothetische Versorgung ist erschwert. Lymphödeme sind bei Brustkrebspatienten häufiger und schwerer zu versorgen. Bei stark übergewichtigen Prostatakrebspatienten kommt es öfter zu einer postoperativen Inkontinenzproblematik, die besondere Erfahrungen des Inkontinenzberaters erfordert.

Kommentar und Empfehlungen: Bei einem BMI > 30 kg/m2 werden zur Gewichtsabnahme Bewegungsarten ohne Gelenkbelastung und vorzugsweise Krafttraining empfohlen. Sinkt das Körpergewicht, so erweitert sich die Palette der passenden Sportarten.

Früher wurde Krebspatienten in der stationären Rehabilitation körperliche Schonung empfohlen. Dies hat sich in den letzten Jahren geändert – ja, sogar umgekehrt. Aktivierung, Bewegung und Sport sind heute ein wesentlicher Bestandteil der Rehabilitation (Delbrück 2007).

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Hermann Delbrück ist Arzt für Hämatologie – Onkologie und Sozialmedizin sowie Rehabilitation und physikalische Therapie und Hochschullehrer für Innere Medizin und Sozialmedizin. Während seiner Laufbahn in der experimentellen, kurativen und vor allem rehabilitativen Onkologie veröffentlichte er mehrere Lehrbücher. Er ist der Herausgeber zahlreicher Ratgeber für Betroffene mit Krebs. Seit seiner Emeritierung 2007 befasst er sich vorrangig mit Fragen der Prävention von Krebs.