Einfluss von Übergewicht auf Darmkrebs, Leberkrebs und Magenkrebs

Die Vorstellung, Gewichtsabnahme sei ein mögliches Frühwarnzeichen für Krebs, ist schon lange widerlegt. Nur selten gehen Karzinomerkrankungen im Frühstadium mit einer Gewichtsabnahme einher. Hierzu kommt es in der Regel erst im fortgeschrittenen Krankheitsstadium.

Kommentar: Übergewicht bedeutet nicht Gesundheit, erst recht nicht Krebsfreiheit! Im Gegenteil! Starkes Übergewicht ist ein Krebspromotor, der die Entstehung, den Verlauf und die Prognose negativ beeinflusst. Der Krebs verläuft häufig aggressiver. Eine Gewichtszunahme bedeutet keine Gewähr für Rezidivfreiheit.

Starkes Übergewicht als Mitursache verschiedener Krebserkrankungen
(XXX = eindeutige Hinweise, XX = wahrscheinlicher Einfluss, X = wenige oder keine zuverlässigen Daten):

  • Brustkrebs (nach den Wechseljahren): XXX
  • Gallengangskrebs: XXX
  • Gebärmutterkrebs: XXX
  • Speiseröhrenkrebs (Adenokarzinom): XXX
  • Magenkrebs (oberes Drittel): XXX
  • Bauchspeicheldrüsenkrebs: XXX
  • Nierenkrebs: XXX
  • Leberkrebs: XXX
  • Eierstockkrebs: XX
  • Dickdarmkrebs: XX
  • Gallenblasenkrebs: XX
  • Schilddrüsenkrebs: XX
  • Mundhöhle: X
  • Kehlkopfkrebs: X
  • Speiseröhrenkrebs (Plattenepithelkarzinom): X
  • Magenkrebs (mittleres Drittel): X
  • Enddarmkrebs: X
  • Gebärmutterhalskrebs: X
  • Brustkrebs (vor den Wechseljahren): X
  • Lungenkrebs: X
  • Blasenkrebs: X
  • Hodenkrebs: X
  • Prostatakrebs: X
  • Leukämien, Lymphome: X
  • Multiples Myelom: X

 

Ratgeber Übergewicht und Krebs

Die Weltgesundheitsorganisation betrachtet starkes Übergewicht (Adipositas) und Bewegungsarmut als das weltweit am schnellsten wachsende Gesundheitsproblem. Sie spricht von einer Epidemie, die ebenso energisch bekämpft werden müsse wie die tödlichen Infektionskrankheiten. Gelinge es nicht, dieses nach dem Nikotinkonsum größte Krebsrisiko einzudämmen, so erwarte uns in den nächsten Jahren „ein Tsunami“ an Krebsneuerkrankungen.
Im vorliegenden Band werden die häufigsten diätetischen, medikamentösen, chirurgischen, psychologischen, apparativen und körperlich-sportlichen Abnehmeprogrammen, Empfehlungen und Ernährungsdogmen hinsichtlich ihres Nutzens und ihrer Nebenwirkungen – speziell in Bezug auf das Krebsgeschehen – analysiert und kommentiert.

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Magenkrebs 

Gesicherte und vermutete Risiken für die Entstehung von Magenkrebs (im Vergleich zur Normalbevölkerung)

  • Fortgeschrittenes Alter – gesichert
  • Genetische (angeborene) Risiken – gesichert
  • Krankheitssyndrome: wie z. B. Lynch-Syndrom, Peutz-Jeghers-Syndrom, familiärer Brustkrebs – gesichert
  • Adenome > 2 cm im Magen – gesichert
  • Intestinale Metaplasie in der Magenschleimhaut – gesichert
  • Atrophische Gastritis – gesichert
  • Starkes Übergewicht (für Kardiakarzinom) – gesichert
  • Ernährung, z. B. gepökeltes Fleisch – gesichert
  • Immunologische Risiken und Einflüsse – gesichert
  • Chronische Helicobacter-Infektionen – gesichert
  • Hormonelle Einflüsse – vermutet
  • Mikrobiom = Dysbiose – nicht gesichert
  • Demographische Einflüsse – gesichert
  • Sozioökonomische Benachteiligung – vermutet
  • Medikamentöse und strahlenbedingte Einflüsse – vermutet
  • Langzeit-Einnahme von Protonenpumpenhemmern – vermutet
  • Vor- und Begleiterkrankungen – gesichert
  • Zustand nach bestimmten Magenoperationen – gesichert
  • Bewegungsarmut – vermutet
  • Starker Alkoholkonsum, besonders bei gleichzeitigem Tabakabusus – gesichert
  • Wenig Obst und Gemüse – gesichert
  • Salzreiche Ernährung – gesichert
  • Umwelteinflüsse, Risiken am Arbeitsplatz – nicht gesichert
  • Psyche – nicht gesichert

Die Häufigkeit von Magenkarzinomen hat in letzten Jahrzehnten signifikant abgenommen. Entscheidend dafür waren vor allem die besseren hygienischen Bedingungen und die Verbreitung des Kühlschranks. Vitaminhaltiges Frischgemüse ist nun ganzjährig verfügbar und Fleischwaren müssen nicht mehr – wie zuvor – durch Pökeln und Räuchern konserviert werden.

Zu den Risikofaktoren zählen eine mögliche familiäre Vorbelastung und Infektionen mit dem Helicobacter-pylori-Bakterium. Die Infektion mit H. pylori induziert eine chronisch –aktive Gastritis. Bei vielen Patienten entsteht das Karzinom über eine atrophische Gastritis. Ob die Eradikation dieses Keims das lebenslange Erkrankungsrisiko für familiär vorbelastete Menschen reduziert, ist nach wie vor umstritten. Viele Studien sprechen dafür (Choi et al 2020).

Starkes (nicht leichtes oder mittleres) Übergewicht ist ein Risiko für eine Krebsbildung im oberen Magendrittel. Die Erkrankungsgefahr ist 2,9mal höher als bei Normalgewichtigen. Ursache ist der häufigere Rückfluss von Magensäften (Reflux) und die dadurch verursachte chronische Entzündung (Labenz et al 2015, Kubo et al 2006, Whiteman et al 2008, Engel et 2005, Behrens et al 2018). Ist man im jugendlichen Erwachsenenalter bereits stark übergewichtig und leidet zudem unter Sodbrennen, so erhöht sich das Erkrankungsrisiko um ein Vielfaches (Petrick et al 2017, Whiteman et al 2008, Sjödahl et al 2008, Labenz et al 2015).

H.- pylori-Infektionen, stark gesalzene Mahlzeiten, geräucherte, gepökelte und gegrillte Speisen gelten als Risiko für Tumore im mittleren und unteren Magenabschnitt. Verantwortlich sind die zum Pökeln verwendeten Nitrat- und Nitritsalze. Aus ihnen entstehen bei Erwärmung Kanzerogene.

Ein frühes Erkrankungsalter, das Vorliegen eines diffusen Magenkarzinoms und eine familiäre Häufig sind Hinweise auf eine mögliche autosomal-dominante Erbanlage. Träger der Mutation haben ein etwa 40 – 80 %iges Lebenszeitrisiko für ein Magenkarzinom.

Kommentar und Empfehlungen: Die H.-pylori-Eradikation sollte bei Risikopersonen mit dem Ziel der Prävention durchgeführt werden.

Bei fortbestehendem Sodbrennen infolge sehr starken Übergewichts wird nach erfolglosen konservativen Therapien u. a. auch ein operativer Eingriff empfohlen, sei es in Form einer bariatrischen Operation, sei es in Form einer Korrektur am Schließmuskel von der Speiseröhre zum Magen.

Kommentar zur Relevanz der Krebsvorsorge-Früherkennung: Gesetzliche Krebsvorsorge-Früherkennungsmaßnahmen gibt es nicht.

Bei starkem Übergewicht und chronischem Sodbrennen sollten regelmäßig Magenspiegelungen vorgenommen werden, um Krebsgewebe am Übergang vom Magen zur Speiseröhre (Kardiakarzinome) frühzeitig zu entdecken und gegebenenfalls zu behandeln. Mit einer virtuellen Chromoendoskopie lassen sich verdächtige Läsionen besser erkennen.

 

Leberkrebs 

Risiken für Leberkrebs, im Vergleich zur Normalbevölkerung (X = wahrscheinlich erhöht, XX = doppelt so hoch, XXX = mehr als doppelt so hoch, XXXX = sehr hohes Risiko)

  • Leberzirrhose: XXXX
  • Chronische B- und C-Hepatitis: XXXX
  • Übergewicht (Body-Mass-Index > 30): XXX
  • Nicht alkoholisch bedingte Fetthepatitis (NASH): XXX
  • Starker Alkoholkonsum: XXX
  • Morbus Wilson: XXX
  • Aflatoxin-verunreinigte Lebensmittel: XXX
  • Eisenspeicherkrankheit (Hämochromatose): XXX
  • Autoimmunhepatitis: XXX
  • Bewegungsmangel: XXX
  • Thorotrast: XXX
  • Vergiftungen mit Vinylchlorid und Arsen: XXX
  • Chronische Erkrankungen der Gallenwege: XX
  • Tabakabusus: XX
  • Hepatische Porphyrie: XX
  • Typ-2-Diabetes: XX
  • Längerfristige Einnahme von Androgenen: XX
  • Kindliche Tyrosinämie: X
  • Ionisierende Strahlen: X
  • Budd-Chiari-Syndrom: X

Übergewicht mit begleitender Fettleber (NASH/NAFLD) sowie die chronische Hepatitis B und C mit oder ohne Zirrhose zählen zu den häufigsten Krebsverursachern in den westlichen Ländern. In Osteuropa, Asien und Afrika – wo Leberkrebs wesentlich häufiger vorkommt – dominieren andere Risiken, nämlich die chronische Hepatitis B, Alkohol und Nahrungsmittel-Verunreinigungen, z. B. mit dem Pilzgift Aflatoxin.

NASH/NAFLD ist eine komplexe Erkrankung, für die es nicht nur ein Krankheitsgen gibt. Vielmehr spielen die Interaktionen verschiedener angeborener Gene sowie epigenetische Faktoren bei der Entstehung eine Rolle.

Statistisch gesehen haben übergewichtige Westeuropäer ein mehr als doppelt so hohes Erkrankungsrisiko als ihre normalgewichtigen Landsleute: RR = 1,29 – 1,77 (Welzel et al 2011, Caldwell et al, 2004, Borena et al 2012). In England sind Zusammenhänge besonders auffällig Bei jedem vierten bis fünften Leberkrebspatienten soll dort ein Zusammenhang mit Übergewicht vorliegen, behauptet die Stiftung Cancer Research in Großbritannien. Epidemiologen in Deutschland gehen hingegen nur von einer relativen Erhöhung des Erkrankungsrisikos um 83 % aus. Bei dauerhaftem Übergewicht im jugendlichen Erwachsenenalter ist generell die Gefahr größer (Behrens et 2018).

Übergewicht ist häufig mit einer Fettleber (NASH und NAFLD) verbunden, die gelegentlich in eine Fetthepatitis, eine Zirrhose und schließlich Krebs überzugehen droht. Genetische Faktoren (z. B. PNPLA3), die die Entwicklung einer Fettleber ohne Zirrhose (NASH) beeinflussen, können indirekt auch die Karzinomentwicklung begünstigen. Hartnäckig halten sich Vermutungen, dass der hohe Gehalt industriell hergestellter Fruktose in Softdrinks zur Entstehung des „Risikofaktors Fettleber“ mit beiträgt.

Eine wesentliche Ursache der Krebsförderung sollen Entzündungsfaktoren sein, die im Fettgewebe und in der Fettleber gebildet werden. Die Therapieforschung arbeitete deshalb intensiv an der Entwicklung entzündungshemmender Einflüsse. Blutplättchen scheinen an den Entzündungsprozessen beteiligt zu sein.

Kommentar und Empfehlungen: Körperliche Inaktivität, Übergewicht und Alkohol beschleunigen den Übergang einer Fettleber in eine Fibrose und Zirrhose, die schließlich in Krebs übergeht (Caldwell et al 2004). Nehmen Adipöse ab, so verbessern sich bei ihnen die Biomarker für eine nicht alkoholische Fettlebererkrankung (NAFLD). Gleichzeitig verbessert sich bei ihnen der Blutzucker- und Fettstoffwechsel (Baumeister et al 2018, Schwimmer et al (2019); die Leberkrebsgefahr sinkt dann.

Leberzirrhose-Patienten sind extrem gefährdet. Sie sollten alle sechs Monate sonographisch überwacht werden.

Zur Vorbeugung gegen Hepatitis B steht seit 1982 ein hoch wirksamer Impfstoff zur Verfügung. Impft man Säuglinge erkrankter Mütter unmittelbar nach der Geburt, verhindert dies eine Infektion.

Hepatitis B Erkrankte sollten zur Vermeidung von Infektionen des Partners bei Sexualkontakten Kondome benutzen; ungeschützter Geschlechtsverkehr ist eine häufige Infektionsursache.

Impfungen gegen eine Hepatitis-C-Infektion befinden sich noch in der Entwicklungsphase. Vorbeugend sollten alle Schutzmaßnahmen eingehalten werden, die eine Infektion durch Blut-zu-Blut-Kontakt verhindern. Dazu zählen der gemeinsame Spritzengebrauch, die gemeinsame Benutzung von Nagelscheren, Rasiermessern und Zahnbürsten.

Metformin soll bei Typ-2-Diabetikern das Leberkrebsrisiko reduzieren (?).

Das Pilzgift Aflatoxin verursacht Leberkrebs. Schon lange ist bekannt, dass die hohe Leberkrebsrate in Westafrika mit dem Aflatoxinbefall sonnengetrockneter Erdnüsse zusammenhängt. Durch neueingeführte künstliche Trocknungsverfahren erreichte man dort eine deutliche Häufigkeitsabnahme aflatoxinbedingter Leberkrebserkrankungen.

Kommentar zur Relevanz der Krebsvorsorge-Früherkennung: Für Leberkrebs gibt es kein gesetzliches Krebs-Früherkennungs-Programm, obwohl man isolierte Krebsherde im – häufig zirrhotisch veränderten – Lebergewebe sonographisch relativ frühzeitig erkennen und erfolgreich entfernen kann. Hauptgrund hierfür ist wahrscheinlich die Angst vor einer Überdiagnostik. Sinnvoll sind Ultraschall- Screening-Untersuchungen der Leber bei Risikopatienten mit Leberzirrhose chronischer Hepatitis B und C sowie bei einer chronischen Fetthepatitis.

 

Darmkrebs 

Risiken für Darmkrebs, im Vergleich zur Normalbevölkerung (X = wahrscheinlich erhöht, XX = doppelt so hoch, XXX = mehr als doppelt so hoch, XXXX = sehr hohes Risiko; modifiziert nach: Delbrück 2015)

  • Familiäre adenomatöse Polyposis:   XXXX
  • Hereditäres kolorektales Karzinom:   XXXX
  • HNPCC = Lynch-Syndrom:      XXXX
  • Starkes Übergewicht in der Jugend (BMI > 30):  XXXX
  • Mindestens ein Adenom > 20 mm:  XXXX
  • Typ-2-Diabetes, der mit Insulin behandelt wird:  XXXX
  • Starkes Übergewicht als Erwachsener (BMI > 30): XXX
  • Angehörige ersten Grades, die im Alter von < 50 Jahren an Darmkrebs erkrankten:   XXX
  • Mindestens ein Adenom > 10 mm < 20 mm: XXX
  • Angehörige ersten Grades, die im Alter von > 55 Jahren an Darmkrebs erkrankten:   XX
  • Bewegungsarmut, körperliche Inaktivität:   XXX
  • Weit überdurchschnittliche Körpergröße und ausgeprägtes Bauchfett:   XXX
  • Rotes und verarbeitetes Fleisch:     XXX
  • Hoher Alkoholkonsum (> 70 g täglich):    XXX
  • Typ-2-Diabetes (nicht mit Insulin behandelt):   XXX
  • Pancolitis (chronische Entzündung des gesamten Darms): XXX
  • AIDS (unbehandelt):   XX
  • Colitis ulcerosa (linke oder rechte Darmhälfte):  XX
  • Colitis ulcerosa (auf den letzten Darmabschnitt begrenzt): XX
  • Rauchen:   XX
  • Dysbiom (gestörte Darmflora):  XX
  • Niedriger sozioökonomischer Status:    XX
  • Häufige Antibiotikatherapien in der Jugend:  X
  • Häufige Wechsel- und Nachtschicht-Arbeit:    X
  • Angehörige zweiten Grades:    X

Bei den Risikofaktoren steht – neben der erblichen Disposition und einem Typ-2-Diabetes – der Lifestyle mit an der vordersten Stelle. Neben Bewegungsarmut – und noch vor Nikotin, rotem Fleisch und Alkoholgilt Übergewicht unter den Lifestylerisiken als der größte Risikofaktor.

Nicht nur die Krebsentstehung und der Zeitpunkt der Diagnose, sondern auch der Krankheitsverlauf und das Wiedererkrankungsrisiko werden durch Übergewicht negativ beeinflusst. In Metaanalysen, in denen man das Krebsrisiko von über- und normalgewichtigen Personen verglich, wurde das Erkrankungsrisiko bei Übergewichtigen um ein Drittel höher eingeschätzt (Behrens et al 2018). Ausgeprägtes Bauchfett ist ein separates Erkrankungsrisiko.

Frühes Übergewicht und ein Typ-2-Diabetes (in der Altersgruppe < 50 Jahren) scheinen einen wesentlich größeren Einfluss zu haben als bislang angenommen (Khan et al 2020). Der Darmkrebs hat in dieser Altersgruppe in den vergangenen Jahren um beinahe ein Drittel zugenommen. Hierfür wird das veränderte Lifestyleverhalten – und hier besonders der Anstieg des Übergewichts und geringere Bewegungsaktivität – verantwortlich gemacht (Zheng, R et al 2018, Marshall et al 2019, Koroukian et al 2019). Je länger man übergewichtig sind, desto größer ist die Gefahr (Schlesinger, S et al 2017). Ein BMI von 24 bis 29 ist bei über 65jährigen Menschen noch akzeptabel, bei Jüngeren hingegen schon ein Risikofaktor (Siegel et al 2010, Yanlei Ma et al 2013).

Während der Zusammenhang zwischen starkem Übergewicht (BMI > 30) mit Dickdarmkrebs eindeutig ist, lässt sich ein solcher beim Enddarmkrebs (Rektumkarzinom) „nur“ tendenziell feststellen (Laake et al 2010, Zhang et al 2019). Warum das so ist, bleibt unklar. Überhaupt ist der durch Übergewicht zu Krebs führende Wirkmechanismus Gegenstand unterschiedlicher Hypothesen. Als allgemein gesichert gilt jedoch, dass Übergewicht nicht zu Genmutationen führt, sondern – ähnlich wie körperliche Inaktivität und Diabetes – ein Tumorpromotor ist.

Hypothesen zum Wirkmechanismus von Übergewicht auf die Darmkrebsentwicklung

  • Übergewicht ist ein Tumorpromotor, der nicht etwa strukturelle Erbgutveränderungen (Genmutationen) verursacht, sondern sich „lediglich“ funktionell auswirkt, d. h. die Aktivität und die Aggressivität von Krebszellen und -genen erhöht. Negative Einflüsse auf DNA-Reparaturmechanismen werden diskutiert.
  • Je mehr rotes Fleisch (Rind-, Lamm-, Schweine- oder verarbeitetes Fleisch) konsumiert wird, desto höher ist das Risiko – sowohl für Übergewicht als auch Darmkrebs. Einige Virusforscher – so der Nobelpreisträger Harald zur Hausen – vermuten als Ursache, dass sich im roten Fleisch – speziell im Rindfleisch – virusähnliche Erreger (BMMF) befinden, die das Krebswachstum fördern.
  • Konsumiert man viel Fleisch und zuckerhaltige Produkte, so kommt es zu einer Störung der Darmflora (Dysbiose), die die Entstehung sowohl von Übergewicht als auch Darmkrebs fördern soll (Stallmach et al 2017). Im Mausmodell soll ein Missverhältnis von Bacteroides mit anderen Darmbakterien zu Tumoren im Dickdarm führen (Thomas et al 2019). Für den Zusammenhang mit einer gestörten Darmflora spricht die Beobachtung, dass das Erkrankungsrisiko, nach längerer Einnahme von anaerob wirkenden Antibiotika, im oberen Dickdarmabschnitt, nicht aber im Enddarmbereich, erhöht ist.
  • Man geht davon aus, dass bei Übergewicht – speziell bei ausgeprägtem Bauchfett – Hormone und Entzündungsfaktoren produziert werden, die die Zellbildung im Darm anregen (Siegel et al 2010, Kim et al 2009, Halle und Schoenberg 2009).
  • Es ist bekannt, dass Darmpolypen bei ausgeprägtem Bauchfett häufiger entstehen. Schuld daran sollen im Bauchfett gebildete Entzündungsfaktoren sein. Dies könnte der Grund sein, weswegen Entzündungshemmer, wie Aspirin, das Wachstum von Cox-2-positiven Tumoren hemmen (Schlesinger al 2017). Dass übergewichtige Männer häufiger als Frauen an Darmkrebs erkranken, könnte im Zusammenhang mit dem beim männlichen Geschlecht häufiger ausgeprägten Bauchfett stehen.
  • Insulin und Insulin-ähnliche Wachstumsfaktoren fördern das Zellwachstum. Ein hoher Glykämischer Index – also eine zur Hyperinsulinämie führende Ernährung – gilt als Risikofaktor für eine Wiedererkrankung (Morales-Oyarvide et al 2019).
  • Bestimmte molekulare Subtypen von Darmkrebs (CTNNB1-negative Tumore, KRAS- oder BRAF-Wildtypen) sind bei Übergewicht besonders häufig (Morikawa et al 2013).
  • Glukose-Fruktose-Mischungen verstärken im Mausversuch das Tumorwachstum im Dickdarm, nicht aber im Enddarm (Goncalves et al 2019, Aleksandrova et al 2017, Johnson et al 2019).
  • Eine fettreiche Ernährung hemmt die körpereigene Krebsabwehr. Es kommt zu einer veränderten Aktivität natürlicher Killerzellen.
  • Einige Forscher vermuten, dass Übergewicht und körperliche Inaktivität unabhängige Risikofaktoren sind. Zum Beweis führen sie die Sumo-Ringer an, die trotz erheblichem Übergewicht angeblich nicht stärker krebsgefährdet sind, weil sie körperlich aktiv bleiben. Überhaupt besteht der Eindruck, dass Übergewichtige, die regelmäßig körperlich aktiv sind, kein erhöhtes Darmkrebsrisiko haben (Lee et al. 1992). Bekannt ist auch, dass adipöse Frauen nur dann ein erhöhtes Erkrankungsrisiko haben, wenn sie körperlich inaktiv sind.
  • Die meisten Lebensmittel, die zu einer Gewichtszunahme führen, wirken sich im Darm entzündungsfördernd (proinflammatorisch) aus und bewirken einen chronischen Reiz auf die Darmschleimhaut. Sie sollen das Krebsrisiko bei Männern um 44 % und bei Frauen um bis zu 22 % (relativ) erhöhen (Tabung et al 2018).
  • Beobachtungsstudien zeigen einen gewissen präventiven, jedoch statistisch nicht signifikanten, Effekt des Grüntee-Inhaltsstoffes EGCD hinsichtlich der Adenom-Bildung.

Kommentar und Empfehlungen: Bekannt sind mehrere krebsfördernde Gensyndrome. Zusätzlich zu dem sehr häufigen Lynch-Syndrom (HNPCC =1/279) und der familiären Adeno Polyposis (FAP) kann man bei vielen Menschen hunderte winzige Genvariationen feststellen (SNPs). Ob sie in direktem oder indirektem Zusammenhang mit einem Krebsrisiko stehen, ist umstritten (Weigl et al 2019). Sicherlich bedarf es zusätzlicher Promotoren, damit sie aktiv werden. Zu ihnen gehören Lifestylefaktoren wie Übergewicht. Unterstützt wird die Hypothese von der Bedeutung der Lifestylefaktoren durch die Beobachtung, dass bei Halbgeschwistern von Darmkrebspatienten das Risiko, selbst zu erkranken, ebenso erhöht ist, wie bei „echten“ Geschwistern.

Versicherte zwischen dem 18. und 35. Lebensjahr haben Anspruch auf einen einmaligen Gesundheitstest (Check Up 35). Dieser schließt auch eine Beratung mit ein. Jugendliche Übergewichtige sollten bei dieser Präventionsberatung auf ihre höhere Krebsgefährdung und die Relevanz von Krebsvorsorge-Untersuchungen hingewiesen werden. Schließlich sind sie weit häufiger als allgemein angenommen von Darmpolypen betroffen (Giovannucci et al 1997, Brown et al 2009). Sie zählen zu den Risikopersonen – ebenso wie Menschen mit Lynch-Syndrom oder familiärer Adenopolyposis, –, die eine Vorsorge-Darmspiegelung vorzeitig durchführen lassen müssen.

Interessant und schwer erklärbar ist der krebsschützende Effekt einer Hormonersatztherapie bei Frauen nach den Wechseljahren. Bei anderen Organen erhöht eine Hormonersatztherapie nämlich umgekehrt eher das Erkrankungsrisiko.

Laien zählen häufig auch den Afterkrebs (Analkarzinom) zu den Darmkrebserkrankungen, obwohl sich Gewebeaufbau, Ursachen, Verlauf und Therapie deutlich unterscheiden. Die letzten Jahre haben weltweit eine dramatische Zunahme von Afterkrebs mit sich gebracht. Hauptursache sind Infektionen mit dem HP-Virus beim Analverkehr. Impfungen gegen HPV-Übertragungen beugen den Infektionen vor.

 

Schutzmaßnahmen zur Reduzierung des Darmkrebsrisikos

  • Gewichtabnahme bei Übergewicht. Bariatrische Operationen führen zu einer signifikanten Gewichtsabnahme und einer Reduzierung des Darmkrebsrisikos (Bailly et al 2020) (wahrscheinlich)
  • Dickdarmentfernung bei erblich bedingtem Darmkrebsrisiko
    (z. B. bei FAP)(gesichert)
  • Verminderung des Anteils tierischer Fette in der täglichen Ernährung
    (sehr wahrscheinlich)
  • Nur mäßiger Verzehr von rotem Fleisch (vermutet)
  • Stärkung der unspezifischen Immunabwehr (nicht gesichert)
  • Chemoprophylaxe (z. B. mit AspirinR) (gesichert)
  • Chirurgische und/oder endoskopische Polypenentfernung
    (gesichert)
  • Behandlung von Begleiterkrankungen (z. B. einer Colitis ulcerosa)
    (gesichert)
  • Regelmäßige Darmspiegelungen und Entfernung von Krebsvorstufen
    (gesichert)
  • Nicht rauchen (wahrscheinlich)
  • Körperliche (sportliche) Aktivität. (gesichert).
  • Verbesserung der Vitamin-D-Aufnahme (wahrscheinlich)
  • Mediterrane Kost (wahrscheinlich)
  • Hoher Anteil an Gemüse und Obst bei der Ernährung (wahrscheinlich)
  • Nahrungsergänzungsmittel, Vitamine (nicht gesichert)
  • Reduzierung des Alkoholkonsums (gesichert)
  • Therapie eines Typ-2-Diabetes (gesichert)
  • Geringe und gezielte Strahlenbelastung bei Prostata- und Enddarmkrebs (wahrscheinlich)
  • Stabilisierung der Colitis-ulcerosa-Aktivität (gesichert)

Kommentar zur Relevanz der Darmkrebsvorsorge-Früherkennung:

Je mehr Risiken man hat, desto größer ist die Erkrankungswahrscheinlichkeit – und umso notwendiger sind die Vorbeugung und Krebs-Früherkennungs-Untersuchungen.

Die Tatsache, dass die Anzahl der Patienten mit aggressivem Darmkrebs in Deutschland seit Jahren kontinuierlich sinkt, ist dem Screening mit Stuhlbluttests, besonders aber der Vorsorgespiegelung – mit gleichzeitiger Entfernung von Krebsvorstufen – zu verdanken. Die Darmspiegelung und die prophylaktische Polypenentfernung ist eindeutig die beste Krebsvorsorge/Früherkennungs/Maßnahme. Bei einer noch häufigeren und frühzeitigeren Inanspruchnahme würde die Erkrankungs- und Sterberate voraussichtlich weiter sinken.

Schätzungen ergaben, dass Männer mit einem mittleren genetischen Risiko und einem durchschnittlichen Lebensstil, die keine Darmspiegelung wahrnehmen, ein 30-Jahres-Risiko für Darmkrebs von 7,4 Prozent haben. Anders ausgedrückt: Von hundert Männern mit diesem Risikoprofil werden sieben bis acht innerhalb der nächsten 30 Jahre an Darmkrebs erkranken. Bei Männern mit vergleichbarem genetischem Hintergrund, die jedoch gesünder lebten und eine Darmspiegelung wahrnehmen, liegt das Risiko lediglich bei 1,9 Prozent (Carr et al. 2020).

Gesetzlich Krankenversicherte haben einen Anspruch auf zwei Darmvorsorge-Spiegelungen. Ergibt die erste Untersuchung keinen krankhaften Befund oder werden hier lediglich Adenome mit niedrigem bzw. mittlerem Risiko entfernt, so ist eine weitere Untersuchung erst in zehn Jahren notwendig. Relevante Befunde (2,8 %) sind in der Zwischenzeit nämlich bei Menschen ohne erhöhtes Erkrankungsrisiko relativ selten. Nur bei einer Entfernung von Adenomen mit hohem Risiko (größere Adenome oder Adenome mit erheblichen Zellveränderungen) oder in besonderen Risikofällen wie z. B. bei einer familiären Vorbelastung bzw. starkem Übergewicht) wird zu einer vorzeitigen Folgeuntersuchung geraten (Cross et al 2020).

Die Vorsorge-Koloskopie bietet mehr Sicherheit als Stuhltests, obwohl sich deren Spezifität und Sensitivität mit der Einführung immunologischer Stuhltests (FITs) verbessert haben. Es ist bemerkenswert, dass Stuhltests – trotz ihrer geringen Empfindlichkeit sowie der vielen falsch negativen und falsch positiven Befunde, mit entsprechend teuren Folgekosten – weiterhin im Rahmen der gesetzlichen Krebsvorsorge-Früherkennung empfohlen werden. Endoskopische Untersuchungen sind wesentlich aussagekräftiger. Allerdings ist die Sigmoidoskopie auch nur beschränkt aussagekräftig, da bei ihr nur ein begrenzter Teil des krebsgefährdeten Dickdarms eingesehen wird. Die endoskopische Koloskopie des gesamten Dick- und Enddarms ist eindeutig der Goldstandard in der Darmkrebsvorsorge-Früherkennung. Aufgrund ihrer geringen Spezifität und der Strahlenbelastung kommt die virtuelle Koloskopie nur in Ausnahmefällen in Frage.

Ein genetisches Risiko für Darmkrebs muss in Betracht gezogen werden, wenn mehr als zwei Verwandte ersten Grades daran erkrankt waren (sind) bzw. mehr als ein Verwandter bis zum Alter von < 50 Jahren an einem Darmkarzinom litt (leidet). Bei multiplem Polypenbefall sollten die direkten Angehörigen des Betroffenen ebenfalls Genuntersuchungen in Erwägung ziehen, um die Anlage für eine familiäre adenomatöse Polypose (FAP) auszuschließen. Werden FAP-Gene festgestellt, müssen die Betroffenen sich alle ein bis zwei Jahre einer endoskopischen Untersuchung unterziehen.

Asymptomatische HNPCC-Träger sollten alle zwei Jahre eine Vorsorgekoloskopie in Erwägung ziehen. Trägern von MCH1- und MsH2-Mutationen wird eine solche ab dem 25. Lebensjahr empfohlen, Trägern von MSH5- und PMS2-Mutationen ab dem 35. Lebensjahr.

Da Männer früher und häufiger als Frauen an Darmkrebs erkranken, genehmigen ihnen die Krankenkassen die erste Vorsorge-Darmspiegelung bereits mit 50 Jahren, den Frauen hingegen erst ab dem 55. Lebensjahr. Da korpulente und gleichzeitig bewegungsarme Frauen ebenfalls stärker gefährdet sind, sollte bei ihnen die erste Vorsorge-Koloskopie auch vor dem 50. Lebensjahr durchgeführt werden. Dies bedarf allerdings der Genehmigung der gesetzlichen Krankenkasse. Personen mit einem erhöhten Risiko wird empfohlen, mit ihrem Arzt die individuelle Gefährdung zu besprechen und – daran angepasst – den Zeitpunkt und die Intervalle bei den Vorsorge-Vorbeugemaßnahmen anzupassen.

Neue Forschungsergebnisse zeigen weitreichende Geschlechterunterschiede beim kolorektalen Karzinom. Dabei gibt es nicht allein Unterschiede bei der Wirkung von Chemo- und Immuntherapien, sondern auch bei der Erkrankungshäufigkeit und dem Erkrankungsalter. Da Frauen später als Männer erkrankten, müsse der Vorsorgezeitraum für Frauen über das 75. Lebensjahr hinaus verlängert werden, fordern Experten.

Quelle und Buchempfehlung:
Übergewicht und Krebs: Empfehlungen zur Gewichtsabnahme und Krebsvorbeugung (Personalisierte Krebsvorsorge und Früherkennung) Band 7

 

Hermann Delbrück ist Arzt für Hämatologie – Onkologie und Sozialmedizin sowie Rehabilitation und physikalische Therapie und Hochschullehrer für Innere Medizin und Sozialmedizin. Während seiner Laufbahn in der experimentellen, kurativen und vor allem rehabilitativen Onkologie veröffentlichte er mehrere Lehrbücher. Er ist der Herausgeber zahlreicher Ratgeber für Betroffene mit Krebs. Seit seiner Emeritierung 2007 befasst er sich vorrangig mit Fragen der Prävention von Krebs.

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