Auswirkungen von Sport auf die Krebsentwicklung

Sport und Krebswahscheinlichkeit

Sportliche Aktivitäten gibt es seit Menschengedenken, aber erst in jüngster Zeit werden sie mit Gesundheit im Zusammenhang gebracht. Zahlreiche epidemiologische Untersuchungen gehen von einer Senkung des Herz-Kreislauf- und des Krebsrisikos aus, würde sich die Bevölkerung körperlich stärker betätigen. Es kommt zu vorbeugenden Effekten bei einer Vielzahl akuter und chronischer Krankheiten. In der Krankheitsphase können Medikamente eingespart werden, ja sogar operative Eingriffe verhindert werden. In der Nachbetreuung kommt es zu einer rascheren Regeneration und Leistungsfähigkeit, auch in beruflicher Hinsicht.

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Auswirkungen von körperlicher Aktivität auf die Krebsentwicklung

1985 berichteten Frisch et al. in den USA von einer geringeren Brustkrebshäufigkeit bei ehemaligen College-Sportlerinnen (im Vergleich zu ihren inaktiven Kommilitoninnen) und wiesen damals erstmals öffentlich auf den Sport als möglichen Schutzfaktor vor Brustkrebs hin. Husemann zählte in Deutschland zu den Ersten, die auf die körperliche Inaktivität und sitzende Tätigkeit als mögliche Ursachen für Darmkrebs bei Büroangestellten (white collar workers) hinwiesen (Husemann et al 1980). Seitdem haben sich viele Epidemiologen mit möglichen Zusammenhängen von Bewegungsmangel und Krebs befasst und die Vermutungen von Frisch und Husemann bekräftigt. Sie alle bestätigten, dass sowohl das Erkrankungsrisiko, der Krankheitsverlauf, das Wiedererkrankungsrisiko als auch die Sterbewahrscheinlichkeit bei körperlicher Aktivität günstig beeinflusst werden. Relevante krankheits- und therapiebedingte Belastungen lassen sich durch gezielte bewegungstherapeutische Interventionen reduziere oder sogar ganz verhindern. Dabei ist es unwesentlich, ob man körperlich arbeitet, Gartenarbeit verrichtet oder gezielt Sport treibt (Thune et al 1996, Adamietz 2010, Halle und Schoenberg 2009, Steindorf 2012, Baumann et al 2013, Christensen et al 2018).

Weitgehend unklar sind noch die biologischen Mechanismen, die zu der Beeinflussung der Krebsentwicklung führen. Dazu gibt es zahlreiche Hypothesen. Übereinstimmung herrscht darin, dass körperliche Aktivität keine strukturellen Veränderungen bei den Krebsgenen verursacht. Vermutlich stellen Lifestyle-Verhaltensweisen, wie Bewegung und Sport, epigenetisch wirkende Einflussfaktoren dar, die u. a. die Expression von Genen beeinflussen.

Sicher ist, dass Krebsrisiken, wie Diabetes mellitus Typ II, hohe Fettwerte und eine ungünstige Fettverteilung, bei körperlicher Aktivität abnehmen und dass Bewegung dem Abbau der Knochendichte und der Muskulatur vorbeugt. Sicher ist auch, dass der Schutzeffekt von körperlicher Aktivität je nach Krebsart, Alter und Geschlecht, Krankheitsstadium und Intensität, unterschiedlich stark ausgeprägt ist. Bei Brust-, Darm-, Gebärmutter-, Nieren- und Lungenkrebs ist der Einfluss relativ stark, bei bösartigen Blut- und Lympherkrankungen eher gering.

Experten behaupten, dass sportlich aktive Menschen ihr Krebserkrankungsrisiko durchschnittlich um 20 bis 30 Prozent reduzieren. Auch das Rückfallrisiko sei geringer. Bei Brustkrebspatientinnen soll die Risikoreduktion (im Vergleich zu normal bewegungsaktiven Menschen), je nach Studie und Alter, Hormonstatus und sozioökonomischen Verhältnissen sowie Intensität der Aktivität zwischen 20 und 80 % betragen. Bei Darmkrebs beträgt sie, je nach Lokalisation und Alter, bis zu 70 %. Nicht nur die Krankheitsentstehung, auch der Krankheitsverlauf und die Prognose werden beeinflusst (Ballard-Barbash 2012, Meyerhard 2006).

Hypothesen zum Wirkmechanismus von körperlicher Aktivität auf die Krebsentwicklung

  • Aktivierung von Reparaturgenen bzw. Inaktivierung von Tumorgenen
  • Verringerung des Körperfetts und Abnahme krebsfördernder Fetthormone
  • Verringerung der Insulinresistenz. (Die Sensitivität der Muskulatur wird erhöht. Einem Typ-2-Diabetes wird vorgebeugt)
  • Auswirkungen auf den Vitamin-D-Spiegel. (Die natürliche Vitamin-D-Aufnahme bei Aktivitäten im Freien führt zu einem sicheren Anstieg des Vitamin-D-Spiegels)
  • Reduzierung chronischer Entzündungsfaktoren. (Körperliche Aktivität wirkt entzündungshemmend)
  • Produktion von krebshemmenden Muskelenzymen (Myokine)
  • Einfluss auf Geschlechtshormone und Wachstumsfaktoren. (Bei Aktivität sinkt der Östrogenspiegel)
  • Abwehr von oxydativem Stress und DNA-Schäden
  • Einflüsse auf die lokale und systemische Immunabwehr. (Bewegung stimuliert die Natural Killer Cells, Makrophagen und zytotoxischen T-Zellen
  • Einflüsse auf den Lipidstoffwechsel (Leptin, Adiponektin)
  • Einflüsse auf den Tabak- und Alkoholabusus. (Sportler wissen, dass Tabak- und Alkoholabusus ihre körperliche Fitness beeinträchtigen)

Ungeklärte Fragen zum Einfluss körperlicher Aktivität auf die Krebsentwicklung.

  • Unklar bleibt, ob die körperliche Aktivität selbst vor Krebsschützt oder „lediglich“ die gesündere Lebensweise sportlich aktiver Menschen der Grund für eine bessere gesundheitliche Fitness ist.
  • Unklar sind die biochemischen Wirkmechanismen?
  • Gibt es unterschiedliche Auswirkungen von Kraft- und Ausdauertraining, bzw.  von aerobem und anaerobem Training?
  • Werden bestimmte Organe mehr oder weniger beeinflusst?
  • Kommt es zu unterschiedlichen Auswirkungen in der Jugend und im Erwachsenenalter?
  • Gibt es eine Dosis-Wirkung-Beziehung? Wenn ja, wo ist die Schwelle?
  • Haben Hochleistungssport und Freizeitsport bzw. aerobe und anaerobes Training unterschiedliche Auswirkungen?
  • Bei welcher Intensität kommt es zu einem optimalen Schutzeffekt?
  • Welchen Einfluss haben Begleiteffekte und Interaktionen?


Statistischer Hintergrund zu Sport und Krebs

Den Berechnungen des DKFZ zufolge (Deutsches Krebsforschungszentrum) sollen 2018 etwa 6 % aller Krebserkrankungen im Zusammenhang mit körperlicher Inaktivität gestanden haben (Behrens et al 2018). Nach der WHO-Definition liegt körperlicher Inaktivität dann vor, wenn das Minimum von 150 Minuten Bewegung pro Woche oder 75 Minuten Sport pro Woche nicht erfüllt wird. Berechnungen anderer internationaler Institutionen gehen davon aus, dass 10 – 14 % aller Krebstodesfälle in Europa mit körperlicher Inaktivität assoziiert sind (Behrens et al 2018).

42 Prozent der Deutschen bewegen sich angeblich nicht genug (44 Prozent der Frauen und 40 Prozent der Männer). Deutschland gehört laut WHO neben Brasilien, Bulgarien, den Philippinen und Singapur zu den Ländern, in denen die Bewegungsarmut am stärksten angestiegen ist. Damit belegt Deutschland einen Spitzenplatz unter den Industrieländern (Guthold et al. 2018). Zwischen 2001 und 2016 ist die Häufigkeit der körperlichen Inaktivität in Deutschland um mehr als 15 % gestiegen.

Besorgniserregend ist die Situation bei Kindern und Jugendlichen. 2019 veröffentlichte die WHO eine Studie, wonach sich 81 Prozent der Jugendlichen weniger als eine Stunde pro Tag bewegen. Auch in Deutschland kommen Vorschulkinder oft nicht auf die drei Stunden körperliche Bewegung am Tag. Nach den Ergebnissen der aktuellen Befragungswelle der Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (KiGGS) des Robert Koch-Instituts toben sich nur 40 – 50 % der drei- bis sechsjährigen Kinder mindestens 60 Minuten pro Tag aus, von drei Stunden ganz zu schweigen.

Dass sich der Anteil extrem dicker Kinder und Jugendlicher in den vergangenen vierzig Jahren weltweit vervierfacht hat, soll auch eine Folge der veränderten Lebenswelt sein (WHO 2017). Ausdauer, Kraft, Schnelligkeit und Bewegungsaktivität haben von 1975 bis 2000 um durchschnittlich 10 % abgenommen. Die von der HBSC-Studie (“Health Behaviour in School-aged Children“) 2019 durchgeführten Untersuchungen zeigen in allen 45 untersuchten Länder, dass weniger als einer von fünf Jugendlichen die Empfehlungen der WHO für körperliche Betätigung erfüllt. Auch in Deutschland halten sich Jugendliche selten an die WHO-Empfehlung von 60 Minuten täglicher körperlicher Betätigung. International schneidet Deutschland – was Bewegung anbetrifft – eher schlechter ab. 

Laut einer vom Bundesministerium der Justiz und Verbraucherschutz im Auftrag gegebenen Studie zur Gesundheitskompetenz sind 10,4 % der deutschen Bevölkerung nahezu täglich körperlich aktiv. Etwa 29,3 Prozent bewegen sich zumindest einige Mal in der Woche, 26,5 % mehrfach im Monat. 16,8 Prozent der Deutschen mit hoher Gesundheitskompetenz sind beinahe täglich körperlich aktiv. Bei den Befragten mit inadäquater Gesundheitskompetenz sind es allerdings lediglich 4,2 Prozent. 15 % der Befragten mit geringer Gesundheitskompetenz (Health Literacy) sollen sich hingegen fast gar nicht bewegen. Umgekehrt ist das nur bei etwa 1 % der Befragten mit sehr guter Gesundheitskompetenz der Fall (Universität Bielefeld 2016, Scheffer, D et al 2017).

Im Rahmen der weltweiten, prospektiven PURE-Studie (Prospective Urban Rural Epidemiologic study) wurden in 17 Ländern 130.843 gesunde 35- bis 70-Jährige zu ihrer körperlichen Aktivität (“International Physical Activity Questionnaire” (IPQA) befragt. Ihr weiterer Werdegang wurde in den nachfolgenden 7 Jahren nachverfolgt (DOI: http://dx.doi.org/10.1016/S0140-6736(17)31634-3). Nach dieser Studie soll moderate körperliche Aktivität (150 bis 750 Minuten pro Woche) das Sterberisiko um 20% – im Vergleich zu einem geringen Bewegungspensum (das heißt < 150 Minuten) – senken. Bei stärkerer körperlicher Aktivität (>750 Minuten pro Woche) sinkt die Gesamtsterblichkeit um 35% (die Sterblichkeit bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen allein um 25%).

Kommentar: Die westlichen Industriestaaten stehen infolge der steigenden Ausgaben für die Gesundheit vor großen Herausforderungen. Die Auswirkungen von Bewegungsarmut und Übergewicht spielen dabei eine nicht unbeträchtliche Rolle. 6 % der Gesamtausgaben von Sozialversicherungen standen in Deutschland (2017) im Zusammenhang mit den Folgen von Übergewicht und Bewegungsarmut. Nicht nur in Deutschland, sondern weltweit gibt es daher Bestrebungen, die Tendenz zu Übergewicht und körperlicher Inaktivität zu stoppen.

Körperliche (In)Aktivität und ihr Einfluss auf die Entwicklung spezieller Krebserkrankungen

Viele Studien weisen auf die Bedeutung von körperlichen Fitness für die Krebsentwicklung hin. Sie weisen auf negative Aspekte von körperlicher Inaktivität hin und bestätigen ein geringeres Erkrankungsrisiko für bestimmte Krebsarten bei regelmäßiger körperlicher Aktivität. Bei einigen Erkrankungen sind die Effekte eindeutig, bei anderen weniger oder gar nicht nachweisbar. Zweifellos gibt es auch Tumorformen, bei denen körperliche Aktivität keinen Einfluss hat. Bei sehr vielen Tumorerkrankungen fehlen allerdings noch verlässliche Angaben zu möglichen Einflüssen (Steindorf 2007, Behrends et al 2018).

Körperliche Inaktivität als Risikofaktor für Krebserkrankungen (X = keine oder nur wenige oder nur unzuverlässige Daten, XX = wahrscheinlicher Einfluss, XXX = eindeutiger Einfluss).

  • Mundhöhle/Rachenkrebs X
  • Kehlkopfkrebs   X
  • Speiseröhrenkrebs (Plattenepithelkarzinom)  X
  • Speiseröhrenkrebs (Adenokarzinom): XXX
  • Magenkrebs (oberes Drittel)   XXX
  • Magenkrebs (mittleres Drittel)  X
  • Bauchspeicheldrüsenkrebs   XXX
  • Dickdarmkrebs     XXX
  • Enddarmkrebs   X
  • Leberkrebs   XXX
  • Gallenblasenkrebs    XX
  • Gallengangskrebs   XXX
  • Gebärmutterkrebs  XXX
  • Gebärmutterhalskrebs      X
  • Brustkrebs (nach den Wechseljahren   XXX
  • Brustkrebs (vor den Wechseljahren)     X
  • Eierstockkrebs   XX
  • Lungenkrebs     X
  • Blasenkrebs      X
  • Hodenkrebs     X
  • Prostatakrebs  X
  • Nierenkrebs    XXX
  • Schilddrüsenkrebs    XX
  • Leukämien, Lymphome     X
  • Multiples Myelom   X

Kommentar: Körperliche Inaktivität ist häufig mit Übergewicht assoziiert, weswegen es nahezu unmöglich ist, den Risikofaktor körperliche Aktivität einem eigenständigen Einfluss zuzuordnen.

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Hermann Delbrück ist Arzt für Hämatologie – Onkologie und Sozialmedizin sowie Rehabilitation und physikalische Therapie und Hochschullehrer für Innere Medizin und Sozialmedizin. Während seiner Laufbahn in der experimentellen, kurativen und vor allem rehabilitativen Onkologie veröffentlichte er mehrere Lehrbücher. Er ist der Herausgeber zahlreicher Ratgeber für Betroffene mit Krebs. Seit seiner Emeritierung 2007 befasst er sich vorrangig mit Fragen der Prävention von Krebs.

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