Krebsvorsorge: Spezielle Ursachen bei Übergewicht

Falsches“ Übergewicht

Übergewicht muss nicht zwangsläufig die Folge eines Missverhältnisses von Energiezufuhr und -verbrauch sein. Es kann auch ganz andere Ursachen haben, z. B. eine Einlagerung von Lymphe oder Blut im Gewebe. Da der geschwächte Herzmuskel das zum Herz zurückfließende Blut nicht mehr ausreichend weiterpumpt, kann es zu einem – mitunter mehrere Liter und Kilogramm schweren – Rückstau im Gewebe kommen. Die Füße sind dann geschwollen. Bei Eiweißmangel kann es zu einem Hungerödem kommen, das von weitem kaum vom Bauchfett zu unterscheiden ist.

Kommentar und Empfehlungen: Bevor man bei Übergewicht diätetische Konsequenzen erwägt, sollte man auch andere Ursachen als die Ernährung in Erwägung ziehen.

Beispiele für „falsches Übergewicht“ (nicht ernährungsbedingte Gewichtszunahme):

  • Ist der Abfluss der Lymphe gestört, kommt es zu einem Lymphstau (Lymphödem) und einer Gewichtszunahme. Ursache können z. B. bestrahlte oder krebsbefallene Lymphknoten sowie Narben sein.
  • Manche Frauen neigen kurz vor der Periode zu einer Wassereinlagerung im Gewebe, die das Körpergewicht signifikant erhöht.
  • Zu einer Wassereinlagerung kann es auch bei einer Nieren- und/oder Herzschwäche kommen.
  • Verletzungen im Bauch- oder Beckenbereich können einen, mehrere Kilogramm schweren, Bluterguss zur Folge haben.
  • Bei einer Leberzirrhose kommt es nicht selten zu einem Flüssigkeitsstau im Bauchraum (Aszites), der das Körpergewicht um mehrere Kilogramm erhöht. Ist das Bauchfell von Krebs befallen, scheidet es vermehrt Flüssigkeit aus, die sich im Bauchraum staut (Aszites). Ähnliches passiert bei einem Krebsbefall des Brustfells (Pleuraerguss). Die Gewichtszunahme kann mehrere Kilogramm betragen. Mit Ultraschall lässt er sich leicht feststellen.
  • Zu einem generalisierten Ödem mit Übergewicht kommt es bei Bluteiweißmangel. Dieser kann Folge einer Unterernährung (Hungerödem) oder eines Eiweißverlusts über die Niere sein.
  • Bei einer Gewichtszunahme trotz gleichbleibenden Ernährungsgewohnheiten und gleichzeitigen Beschwerden, wie Müdigkeit, Haarausfall, Konzentrationsschwäche oder Verstopfung, sollte man auch eine gestörte Schilddrüsenfunktion als Ursache in Erwägung ziehen.
  • Beim Lipödem handelt es sich um eine Fettverteilungsstörung (also kein Reservefett). Bei Frauen kommt es häufiger zu solchen Lipödemen im Hüftbereich, an den Ober- und/oder Unterschenkeln.
  • Bei Hochleistungssportlern und sehr muskulösen Menschen kommt es aufgrund ihrer stärkeren Muskelbildung zu einem Gewichtsanstieg.

Adipositasgene

Zu den Adipositasgenen zählt man das FTO-Gen (fat mass and obesity associated gene). Es reduziert die Fettverbrennung und fördert die Fettspeicherung. Ein weiteres Adipositasgen ist der POMC-Gendefekt, der ständig Hunger verursacht. Der MC4R-Mangel ist eine relative häufige Ursache von monogen vererbtem Übergewicht. Andere Adipositasgene beeinflussen das zentrale Nervensystem, die Aktivität des Glutamat-Rezeptors oder die Freisetzung von Appetit und Hunger verursachenden Hormonen, wie Insulin, Ghrelin und Leptin.

Kommentierung: Die Sequenzierung des gesamten Genoms und der codierenden Genbereiche (Exom) wird immer machbarer, aber sie führt auch zu der Erkenntnis, dass die Bedeutung des Erbguts – so auch für Übergewicht – wesentlich komplexer ist als bislang angenommen wurde. Sicher ist, dass andere „familiäre“ Risikofaktoren – wie etwa tradierte Ernährungsgewohnheiten – schwerer wiegen als angeborene Adipositasgene. Die bislang bekannten Adipositasgene allein verursachen kaum Übergewicht. Nur im Zusammenspiel mit anderen Genen und bei bestimmten Verhaltensweisen führen sie zu Übergewicht. Nicht jeder Träger des FTO-Gens nimmt somit zwangsläufig zu. Vielmehr kann er durch Sport und mehr Bewegung die genetische Vorbelastung mit ihren Folgen ausgleichen (Dashti et al 2018).

Umweltbedingungen, Lebensstil und verschiedene genetische Faktoren wirken bei fast allen Krebserkrankungen auf das individuelle Risiko zu erkranken ein. Derzeit zur Früherkennung genutzte genetische Komponenten stellen nur die Spitze des Eisbergs dar.

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Leptinmangel

Mehrere Hormone greifen in den Regelkreis von Hunger und Sättigung ein. Zu ihnen zählen Leptin, Ghrelin, Propionat, Insulin und Cortison.

Leptin ist ein Hormon, das u. a. in der Magenschleimhaut gebildet wird. Es ist ein natürlicher Appetitzügler, der das Hunger- und Sättigungsgefühl beeinflusst. Bei einem hohen Leptinspiegel im Blut wird das Hungergefühl gehemmt. Bei einem niedrigen Leptinspiegel wird der Appetit gesteigert. Bei Fastendiäten oder zu wenig Schlaf sinkt die Leptinkonzentration ab, was zu Hunger, u. U. einen Heißhungeranfall zur Folge hat (Jo-Jo-Effekt).

Kinder mit angeborenem Leptinmangel entwickeln schon sehr früh eine extreme Adipositas. Zu einem Leptinmangel kann es aber auch im Laufe des Lebens kommen.

Kommentar und Empfehlungen: Zu krankhaftem Hunger kann es auch bei normalem oder gar hohem Leptinspiegel kommen, nämlich dann, wenn das im Körper produzierte Leptin funktionell ineffektiv ist (Leptin-Resistenz).

Die Pharmaindustrie hat sich lange große Hoffnungen gemacht, Leptin als Appetitzügler zu vermarkten. Bald hat sich jedoch herausgestellt, dass viele Übergewichtige nicht etwa einen niedrigen, sondern einen hohen Leptinspiegel haben. Als Ursache stellte man eine ausbleibende Wirkung von Leptin an den Rezeptoren fest, also eine Leptin-Resistenz, die kompensatorisch zu einer Ankurbelung der Leptinproduktion führt. Trotz hohem Leptinspiegel im Blut vermittelt dann das Gehirn kein Sättigungsgefühl.

Erhöhter Ghrelinspiegel

Ghrelin wirkt wie ein Gegenspieler von Leptin, das Hunger verursacht. Mit dem Anstieg des Ghrelinspiegels im Blut setzt Hunger ein.

In Hungerphasen – wenn der Magen leer ist – steigt der Ghrelinspiegel im Blut an; kurz nach der Nahrungsaufnahme sinkt er wieder. Ein ständig erhöhte Ghrelinspiegel geht mit ununterbrochem Hunger einher. Ein hoher Ghrelinspiegel wird mit Heißhunger-Attacken in Verbindung gebracht.

Kommentar und Empfehlungen: Den Jo-Jo-Effekt erklärt man sich u. a. mit einem erhöhten Ghrelinspiegel.

Da es bei Schlafmangel zu einer Ghrelin-Ausschüttung kommt, haben Schichtarbeiter oft mehr Hunger und entwickeln deswegen möglicherweise Übergewicht.

Niedriger Propionatspiegel

Propionat entsteht in der Darmflora, die Ballaststoffe zu kurzkettigen Fettsäuren – wie Propionat – umwandelt.

Eine an fermentierbaren Ballaststoffen reiche Ernährung führt zu einem vorzeitigen Sättigungsgefühl, vermindert den Appetit und schützt so vor einer Gewichtszunahme. Dafür sind aber mehr als 30 g Ballaststoffe täglich notwendig. Die meisten Menschen kommen nicht auf diese Menge.

Ein anderes, die Sättigung und das Hungergefühl regulierendes Darmhormon ist Sekretin. Sekretin soll das Sättigungsgefühl fördern.

Kommentar und Empfehlungen: Das in der natürlichen Darmflora vorkommende Bakterium Clostridium ramosum soll durch vermehrte Ausschüttung von Serotonin die Darmzellen dazu bringen, die Fettaufnahme aus dem Darm zu begünstigen.

Insulin

Die Höhe des Insulinspiegels hat – neben zahlreichen anderen Auswirkungen – auch maßgeblichen Einfluss auf den Regelkreis von Sättigung und Hunger. Insulin hemmt darüber hinaus den Fettabbau und wirkt wachstumsstimulierend auf Zellen. Einer der Gründe, weswegen überschüssiges Insulin möglicherweise krebsfördernd wirkt.

Je höher der Glykämische Index eines Lebensmittels ist, desto mehr Insulin wird ausgeschüttet. Zuckerhaltige Lebensmittel, Limonaden und Fast Food haben einen hohen Glykämischen Index. Sie führen daher zu einem raschen und hohen Insulinspiegel im Blut.

Eine geringe Insulinempfindlichkeit der Zellen führt kompensatorisch zu einer erhöhten Insulin-Ausschüttung (Hyperinsulinämie), zu Hunger und einer höheren Energieaufnahme. Sie ist charakteristisch für einen Typ-2-Diabetes. Es kommt zu einem Teufelskreislauf, nämlich einer geringeren Insulinempfindlichkeit, einer Zunahme des Insulinbedarfs, einer erhöhten Insulin-Ausschüttung und Hyperinsulinämie. Diese führt zu Hunger und einer Kalorienaufnahme (mit der Gefahr von Übergewicht). Letztere erhöht wiederum den Insulinbedarf.

Kommentar und Empfehlungen: Ein hoher Insulinspiegel ist charakteristisch für Typ-2-Diabetes, der als Krebsrisikofaktor gilt.

Eine Assoziation lang wirkender Insulinanaloga mit Brustkrebs wird vermutet (Wu et al 2017).

Man vermutet, dass die Insulin-Sensitivität im zentralen Nervensystem darüber entscheidet, wo sich Fett im Körper anlagert und wie stark der Betreffende von einer Lebensstil-Intervention wie körperlicher Aktivität profitiert (Kullmann et al 2020). Bisher war unklar, warum das Fett nicht bei allen Menschen am gleichen Ort gespeichert wird. Bauchfett ist besonders ungünstig, denn es setzt Botenstoffe frei, die unter anderem Entzündungen und Krebswachstum auslösen können. Bei einer hohen Insulin-Sensitivität im Gehirn profitiert man von Sport und Bewegung, weil sich das Bauchfett zurückbildet. Im Gegensatz dazu zeigen Personen mit einer Insulin-Resistenz bei körperlicher Aktivität nur eine leichte Gewichtsabnahme. Körpergewicht und das viszerale Fett steigen möglicherweise noch während der Lebensstil–Intervention an.

Hormone

Übergewicht kann die Folge einer Schilddrüsenunterfunktion und eines niedrigen Schilddrüsenhormon-Spiegels sein (Hypothyreose).Da sich in diesem Fall der Stoffwechselverlangsamt, ist auch der Energiebedarf herabgesetzt. Die nicht verbrauchte Energie wird in Fettdepots abgelagert. Werden Schilddrüsenhormone verabreicht, nimmt man an Gewicht ab.

Beim Morbus Cushing, aber auch bei Stress oder Schlafmangel kommt es zu einer erhöhten Ausschüttung von Cortisol, das appetitanregend wirkt. Die Ursache für einen Morbus Cushing ist zumeist ein Tumor in den ACTH-produzierenden Zellen der Hirnanhangsdrüse (Hypophyse), der die Nebennierenrinde stimuliert. So kommt es zu einer überschießenden Stimulation der Nebennierenrinde und vermehrten Kortison-Produktion. In einigen Fällen können Geschwülste der Nebennieren auch zu einer direkten Produktion und Ausschüttung von Kortison führen. Die meisten „Cushingfälle“ sind allerdings Folgen einer, über einen längeren Zeitraum hinweg erfolgten Kortisonbehandlung.

Charakteristisch für einen „Cushing“ ist eine Gewichtszunahme am Körperstamm. Die Betroffenen haben ein rundes Gesicht (Vollmondgesicht), einen massigen Bauch mit Fettablagerungen am Nacken (Stiernacken). Gleichzeitig sind Arme und Beine bei ihnen schlank, weshalb man auch von einer Stammfettsucht spricht. Die Haut wirkt sehr dünn (Pergamenthaut).

Die Sexualhormone – bei der Frau die Östro- und Gestagene, beim Mann die Androgene – steuern eine Vielzahl von Prozessen, die u. a. auch das Gewicht, die Muskelmasse, das Körperfett und den Wasseranteil im Körper beeinflussen. Bei Frauen begünstigen ein Östrogenmangel und/oder ein Androgenüberschuss die Bildung von Bauchfett. Übergewichtige Männer haben häufig einen Testosteronmangel. Bei einem Testosteronmangel und/oder einem Überschuss an Östrogenen kommt es zur Bildung von Fettdepots, besonders im Bauchbereich (Bauchfett). Die körperliche Aktivität und Vitalität sowie der Energieverbrauch reduzieren sich.

Da Übergewichtige häufig an Typ-2-Diabetes leiden, ergibt sich bei ihnen ein Teufelskreis. Wegen der Insulinresistenz werden mehr Insulin- und Insulin-ähnliche Hormone gebildet, die wiederum den Appetit anregen und den Fettabbau hemmen.

Wer unter einer Binge-Eating-Störung (Binge Eating Disorder) leidet, hat wiederkehrende Heißhungerattacken. Betroffene verlieren die Kontrolle über ihr Essverhalten.

Eine Gewichtszunahme kann auch durch hormonproduzierende Tumoren verursacht werden. Derartige Tumoren können beispielsweise in der Nebenniere, der Hirnanhangsdrüse oder der Schilddrüse entstehen.

Tumore oder Operationen am Hypothalamus können eine Gewichtszunahme zur Folge haben. Der Hypothalamus ist ein Abschnitt des Zwischenhirns und steuert – im Zusammenwirken mit der Hypophyse – andere endokrine Drüsen.

Bei einigen stark übergewichtigen Menschen wird ein Zusammenhang mit einer Infektion durch das Adenovirus des Typ Ad-36 vermutet. Dieses Virus ist in der Lage, Stammzellen zu Fettzellen zu transformieren.

Kommentar und Empfehlungen: Bei den obigen Erkrankungen führt weder eine Ernährungsumstellung noch eine Lebensstil-Modifikation zu einer Gewichtsabnahme. Nur eine Behandlung der Grundkrankheit führt zur Gewichtsabnahme.

Binge-Eating-Störung, Bulimie und Night-Eating-Disorder

Von einer Binge-Eating-Störung spricht man, wenn zumindest an zwei Tagen pro Woche ein Anfall von Heißhunger erfolgt, bei dem in kürzester Zeit unwillkürlich große Mengen an Nahrungsmitteln verzehrt werden. Den Betroffenen fehlt das Sättigungsgefühl. Nach dem Essanfall treten meist Schuld- oder Schamgefühle auf.

Von einem Night-Eating-Syndrom spricht man, wenn mehr als 25 % der täglichen Nahrungsmenge zusätzlich zum Abendessen eingenommen werden. Die Betroffenen behaupten häufig, sie müssten essen, um wieder Schlaf zu finden.

Kriterien für eine Binge-Eating-Essstörung

  • Pro Woche erfolgen mindestens zwei Essanfälle, über einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten hinweg.
  • Im Gegensatz zur Bulimie wird bei der Binge-Eating-Störung das Gegessene nicht erbrochen.
  • Während der Nahrungsaufnahme erfolgt ein Kontrollverlust (mit Verlust des Sättigungsgefühls).
  • Bei einem Essanfall kommt es zu einer sehr hohen Energiezufuhr.
  • Man isst extrem hastig („schlingen“).
  • Der Essanfall wird nicht durch Hunger ausgelöst.
  • Die Betroffenen leiden unter den Essanfällen, haben Schuld- und Schamgefühle.

Kommentar und Empfehlungen: Für die Entstehung krankhaften Essverhaltens gibt es unterschiedliche Theorien. Die meisten Experten sprechen von einem Vermeidungsverhalten. Dadurch werden negative Gefühle, Stress oder Langeweile ausgelöst – und Essattacken entstehen.

Durch eine Psychotherapie können die Essattacken unterbrochen werden.

Übergewicht neugeborener Kinder von diabetischen Müttern

Etwa die Hälfte aller Neugeborenen von diabetischen Müttern hat ein Geburtsgewicht oberhalb der 90. Perzentile. Normalerweise ist das nur bei etwa 10 % der neugeborenen Kinder der Fall. Ursache dafür ist, dass sich der Organismus im Embryonalstadium gegen den hohen Zuckerspiegel im Blut zur Wehr setzt und vermehrt Insulin ausschüttet. Da Insulin auch die Funktion eines Wachstumshormons hat, sind höheres Geburtsgewicht und mehr Längenwachstum des Neugeborenen die Folge.

Dysbiose (Darmflora, Mikrobiom)

Mit Darmflora (Mikrobiom) bezeichnet man die Gesamtheit der Mikroorganismen, die den Darm besiedeln. Genetische Einflüsse bestimmen zu etwa 10 %, äußere Einwirkungen zu ungefähr 90 % die Zusammensetzung der Darmflora.

Aktivität und Zusammensetzung des Mikrobioms beeinflussen nicht nur die Verdauung, sondern auch viele andere Körperfunktionen. Eine Fülle gesundheitlicher Beeinträchtigungen ist bei einer Dysbiose möglich. Stoffwechselerkrankungen, Störungen der Immunabwehr (wie Allergien und Asthma), neurologisch-psychiatrische Störungen und auch Übergewicht sowie Darmkrebs können z. B. die Folge sein.

Zu einer Dysbiose kann es aufgrund zahlreicher Einflüsse kommen, z. B. bei einer hochkalorischen und/oder ballaststoffarmen sowie einseitigen Ernährung, nach starkem Alkoholkonsum, nach längerer Antibiotikatherapie sowie einer Magen- oder Bauchspeicheldrüsen-Funktionsstörung.

Eine normale Säureproduktion ist Voraussetzung für eine gute Darmflora. Stuhluntersuchungen der Darmflora haben bei Kleinkindern in einigen Fällen Veränderungen des Mikrobioms schon vor der Entstehung von Übergewicht ergeben (Rompelli et al 2018).

Fast Food zerstört wegen seines hohen Fettgehalts die Vielfalt der Darmflora, während eine fettarme Ernährung den Anteil gesundheitsfördernder Bakterien erhöht (Wan, Y et al 2019). Auch bestimmte Medikamente können eine Dysbiose verursachen. Aus der Geflügelzucht ist bekannt, dass die Anreicherung von Kükenfutter mit Antibiotika zu einer Dysbiose und einem höheren Mastgewicht führt. Dass der Einsatz von Antibiotika mit einem erhöhten Risiko für Darmkrebs – insbesondere für den oberen Dickdarm – verbunden ist, soll mit der Dysbiose zusammenhängen (Lu, S et al 2020).

Bacteroidetes sind – zusammen mit Firmicutes – die Hauptvertreter der Darmbakterien. Dem Darmbakterium Akkermansia muciniphila soll eine besondere Bedeutung bei der Entwicklung einer Insulinresistenz, einer viszeralen Adipositas (Bauchfettsucht) und möglicherweise auch Krebsentwicklung zukommen. Escherichia-Coli-Bakterien sind bei Dickdarmkrebspatienten überproportional häufig.

Kommentar und Empfehlungen: Die Darmflora übernimmt weit mehr als nur eine „Hilfsfunktion“ bei Verdauungsprozessen. Sie moduliert auch zentrale physiologische Reaktionen, z. B. einige für die Energiebilanz verantwortliche Abläufe. Ein Ungleichgewicht der Darmflora (Dysbiose) ist bei antibiotisch behandelten Krebspatienten häufig. Es kann den Erfolg von Tumortherapien beeinträchtigen

In vielen Fällen ist unklar, ob Mikrobiom-Veränderungen Folge oder Ursache von Krankheiten (z. B. Übergewicht) sind. Ein kausaler Einfluss ist allerdings dann sehr wahrscheinlich, wenn es zu Veränderungen in der Krankheitsentwicklung infolge einer „Stuhltransplantation“ kommt (Thomas et al 2019).

Einige Unternehmen bieten Stuhluntersuchungen zur „Analyse“ der Darmflora an. Sie behaupten, daraus Ernährungs- und Handlungsempfehlungen ableiten zu können, um eine gestörte Darmflora wieder in ein gesundes Gleichgewicht zu bringen. Die Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) rät davon ab, solche Stuhltests zur Grundlage therapeutischer Entscheidungen zu machen. Hierfür fehle die wissenschaftliche Grundlage. Man wisse heute noch nicht einmal, was ein „gutes Mikrobiom“ ist, sagt sie. Tatsächlich ist nicht einmal klar, ob eine Dysbiose oder eine besonders effizient arbeitende Darmflora zu Übergewicht führt.

Eine quantitativ und qualitativ gute Darmflora kann die unverdaulichen Ballaststoffe besser in kurzkettige Fettsäuren zerlegen, aus denen der Organismus dann Energien bezieht. Mehrere Studien weisen darauf hin, dass Darmbakterien bei Übergewichtigen besonders effizient arbeiten. Problematisch sind kurzzeitige Schwankungen des Mikrobioms, bedingt etwa durch Medikamente, bestimmte Nahrungsmittel oder auf Reisen.

Schlafstörungen

Dass die Schlafdauer und die Schlafqualität für viele Körperfunktionen und auch für das Abnehmen wichtig ist, ist mittlerweile bekannt. Neu ist die Erkenntnis, dass man bei chronischem Schlafentzug (Insomnie) nicht etwa abnimmt, sondern eher dicker wird. Nachtschichtarbeiter sind deshalb häufiger übergewichtig. Sie erkranken auch häufiger an Krebs (Thompson et al 2011).

Der Wirkmechanismus ist nicht eindeutig geklärt. Bei Schlafentzug geraten viele Regelmechanismen durcheinander, so auch das Hunger- und Sättigungsgefühl. Während die Leptinkonzentration sinkt, produziert der Körper mehr Ghrelin, ein Hormon, das für die Steuerung von Hunger und Sättigung verantwortlich ist. Es bremst den Energieumsatz und verhindert, dass die Fettspeicher über Nacht abgebaut werden (Hart et al 2013). Zu Heißhungerattacken und Lust auf Süßes kommt es dann häufiger; möglicherweise auch bedingt durch die Aktivierung des endocannabioden Systems, das über die gleichen Schalter wie Marihuana die Esslust steigert.

Eine andere mögliche Ursache kann die verminderte Impulskontrolle bei schlechtem Schlaf sein oder, dass sich die Fähigkeit der Fettzellen, auf Insulin zu reagieren, bei kurzem Schlaf reduziert. Möglicherweise gerät auch der Zuckerstoffwechsel aus dem Gleichgewicht, was die Entstehung eines Typ-2-Diabetes begünstigt.

Kommentar und Empfehlungen: Ein chronischer Schlafmangel und ein unregelmäßiger Schlafrhythmus sind mit einer Reihe von Beschwerden assoziiert. Dazu gehören Diabetes und Bluthochdruck, Depressionen, Sucht- oder Angsterkrankungen, Übergewicht. Auch einige Tumorerkrankungen sollen mit chronischem Schlafmangel assoziiert zu sein. Künstliches Licht, Bildschirmarbeit bis spät in die Nacht und Schichtarbeit bringen die innere Uhr aus dem Takt und erhöhen das Risiko für eine Gewichtszunahme.

Die Schlafqualität kann man in Schlaflabors messen. Es gibt auch Apps und Fitness-Trecker, die – zumeist über Messungen der nächtlichen Bewegungen – den tiefen vom leichten Schlaf zu unterscheiden helfen. Aussagekräftiger sind aber standardisierte Licht- und Bewegungstrader, die von Forschungslabors zur Erfassung Schlaf störender Einflüsse benutzt werden.

Tabakentwöhnung

Vor allem Frauen haben Angst vor einer Gewichtszunahme, wenn sie mit dem Rauchen aufhören. Für manche Frau ist eine Gewichtszunahme schwerer zu ertragen als gesundheitliche Schäden durch das Rauchen.

Leider ist die Befürchtung einer Gewichtszunahme nach einem Rauchstopp nicht unberechtigt. Es ist nicht leicht, mit dem Rauchen aufzuhören und gleichzeitig das Gewicht zu halten. Die meisten Raucher nehmen zu, wenn sie nicht mehr rauchen. Im ersten Jahr nach der Entwöhnung beträgt die durchschnittliche Gewichtszunahme 4 bis 6 kg.

Für die Gewichtszunahme gibt es mehrere Gründe. Einer ist der bessere Appetit. Nikotin unterdrückt nämlich das Hungergefühl. Es macht über denselben Schaltkreis im Gehirn satt, der über Hunger und Sättigung entscheidet, und normalerweise von den Signalen aus dem Verdauungstrakt beeinflusst wird. Ex-Raucher verspüren noch wochenlang Hunger, weil ihnen das appetithemmende Nikotin fehlt. Ein weiterer Grund ist die Tatsache, dass Nikotin den Stoffwechsel beschleunigt.

Wer mit dem Rauchen aufhört, schraubt seinen Stoffwechsel auf das persönliche Normalmaß herab. Der gewohnte Kalorienbedarf und die notwendige Energiezufuhr stimmen dann – bei unverändertem Essverhalten – nicht mehr überein, was zu einer Gewichtszunahme führt.

Das fehlende Nikotin führt dazu, dass der Körper etwa 200 Kilokalorien zusätzlich verbrennen muss (die früher dank des Nikotins verbrannt worden sind).

Eine weitere Ursache können die vielen kleinen Leckereien sein, die man zu sich nimmt, um „das Rauchen zu vergessen“. Bei Frauen ist das häufiger der Fall als bei Männern.

Kommentar und Empfehlungen: Nikotin-Ersatzmedikamente können Entzugserscheinungen lindern und den Hunger reduzieren. Ein angenehmer Nebeneffekt der Nikotin-Ersatztherapie (etwaNikotin-Kaugummis oder -pflaster) ist der Umstand, dass hierdurch zusätzliche Kalorien verbrannt werden. Der Appetit wird reduziert. Tatsächlich zeigen Therapiestudien, dass man bei einer Nikotin-Ersatztherapie durchschnittlich etwa ein halbes bis ein Kilogramm weniger zunimmt als ohne Nikotinersatzpräparate.

Ehepartner

Wenn der Partner ein „schlechter Futterverwerter“ ist, d. h. trotz überreichlicher Ernährung schlank und rank bleibt, die Partnerin hingegen eine „gut

Futterverwerterin“, d. h. allein beim Anblick von Kuchen und anderen Leckereien „Fett ansetzt“, drohen Eheprobleme. Diese sind umso wahrscheinlicher, wenn der Ehepartner – möglicherweise ein Hobbykoch, Gourmet oder Gourmand – spätabends hungrig nach Hause kommt und allein essen muss, obwohl er seiner Ehefrau beim gemeinsamen Essen gerne noch etwas von seinen Tageserlebnissen

erzählen möchte. Die Qual der Wahl wird dann häufig von der Ehefrau zugunsten der gemeinsamen Mahlzeiten mit Ehefrieden und Fettansatz entschieden. Wegen des Ehefriedens opfert sie ihre Weight-Watch-Punkte.

Bei ständigen Ermahnungen, doch weniger zu essen und bei Besserwisserei des Ehepartners kommt es mitunter auch zu einem Protestessen. Auf Ratschläge, doch weniger zu essen, reagieren manche „Fettsüchtigen“ dann mit widerspenstigem Verhalten.

Kommentar und Empfehlungen: Den Ehepartner zu einer Gewichtsabnahme zu bewegen, erfordert besonderes Feingefühl. Es ist kaum damit getan, ja sogar kontraproduktiv, wenn man dem Ehepartner dauernd die Nachteile von Übergewicht erläutert.

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Hermann Delbrück ist Arzt für Hämatologie – Onkologie und Sozialmedizin sowie Rehabilitation und physikalische Therapie und Hochschullehrer für Innere Medizin und Sozialmedizin. Während seiner Laufbahn in der experimentellen, kurativen und vor allem rehabilitativen Onkologie veröffentlichte er mehrere Lehrbücher. Er ist der Herausgeber zahlreicher Ratgeber für Betroffene mit Krebs. Seit seiner Emeritierung 2007 befasst er sich vorrangig mit Fragen der Prävention von Krebs.