Krebsvorsorge: Ursachen für Übergewicht

Die Ursachen für Übergewicht sind komplex. Entsprechend unterschiedlich sind die notwendigen Maßnahmen zur Gewichtsabnahme und unterschiedlich auch die Erfolgswahrscheinlichkeit.

Wer mehr Energien aufnimmt als er verbraucht, hat ein hohes Risiko für Übergewicht. Es gibt aber auch Menschen, die trotz hoher Kalorienzufuhr nicht zunehmen. Ebenso gibt es Menschen, die bereits „beim Anschauen von Süßigkeiten“ Fett ansetzen. Früher dachte man, Fettleibigkeit sei primär eine Folge von Maßlosigkeit bei den Mahlzeiten und körperlicher Trägheit. Das ist in dieser Verabsolutierung ebenso falsch wie die Behauptung „Dicke essen heimlich oder unheimlich“. Auch die Empfehlung, dicke Menschen müssten sich nur mehr bewegen, um abzunehmen, ist korrekturbedürftig.

Obgleich der technische Fortschritt und die Automatisierung zu einer Reduzierung des persönlichen Energiebedarfs in Beruf, Haushalt und Freizeit geführt haben, hat sich die Ernährungsweise nicht verändert. Das liegt auch daran, dass Nahrungsmittel – im Gegensatz zu früher – im Überfluss verfügbar sind und darüber hinaus eine höhere Energiedichte haben.

Ihr Energiegehalt übersteigt bei weitem den täglichen Bedarf. Heute arbeiten immer weniger Menschen in Berufen mit körperlichen Anforderungen. Die „sitzende“ Lebensweise mit Büroarbeit, Computernutzung und Autofahren überwiegt. Fernsehen und Passivhobbies bestimmen die Freizeit. Gleichzeitig stehen jederzeit und überall Nahrungsmittel zur Verfügung. Das große Angebot zucker- und alkoholhaltiger Getränke sowie die Werbung der Ernährungsindustrie sind verführerisch.

Lange hat man geglaubt, die Ursache für Übergewicht liege im Frontallappen des Gehirns. Gestörte kognitive Prozesse und biochemische Störungen, Hirnfunktionsstörungen sowie Autismen wurden mit der Entstehung von Übergewicht in Verbindung gebracht. Dies kann zwar der Fall sein, ist aber eher selten. Zwar finden viele Regulationsmechanismen im Gehirn statt, jedoch kann man sein Körpergewicht durchaus rational mit beeinflussen.

Angeborene Einflüsse können Ursache für eine gute oder schlechte „Futterverwertung“ sein. Häufiger verbergen sich hinter einem „familiärem Übergewicht“ jedoch tradierte Ernährungsweisen, eine einseitige Ernährung und Bewegungsarmut – die alle vermeidbar sind. Der Lebensstil, die Umwelt, das persönliche Umfeld, die Ernährung, die Werbung, berufliche Belastungen und damit verbundener Stress werden in ihrer Bedeutung häufig unterschätzt, die Erbanlage als Ursache hingegen überschätzt.

Kommentar und Empfehlungen: Wissenschaftler behaupten, dass die Vorliebe für Süßes aus evolutionärer Sicht tief im Menschen verankert sei. Alles, was süß schmecke, werde mit energiereicher Kost gleichgesetzt. Diese bedeutete für unsere Vorfahren Überlebensvorteile. Heute ist das jedoch anders. Mit durchschnittlichen 95 Gramm pro Tag ist die Zucker-Tagesdosis der Deutschen dreimal so hoch, wie es die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt.

Die Reduzierung der Kalorienzufuhr oder die Steigerung der körperlichen Aktivität allein reichen für eine langfristig orientierte Gewichtsabnahme nicht aus. Auch andere Ursachen müssen berücksichtigt werden.

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Gestörte Energiebilanz

Wenn dem Organismus mehr Energie zugeführt wird als er verbraucht, ist die Energiebilanz positiv; die überflüssige Energie wird dann in Form von Fett abgelagert – und das führt zu Übergewicht. Ist die Energiebilanz negativ und sind die zugeführten Energien geringer als der Verbrauch, so nimmt man ab. Die Fettreserven werden abgebaut. Es kann sogar zu Untergewicht kommen.

Nahrungsmangel – also eine geringe Energiezufuhr – war früher eine wesentliche Ursache für Unterernährung. Infektionskrankheiten, wie Tuberkulose, die mit einem höheren Energiebedarf einhergehen, dominierten. Heute ist das Gegenteil der Fall. Es gibt ein Nahrungsüberangebot, das darüber hinaus energiedichter ist als früher. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Beeinträchtigungen des Bewegungsapparates und des Stützskeletts dominieren.

Kommentar und Empfehlungen: Manche Menschen können riesige Portionen Nahrung zu sich nehmen, ohne zuzunehmen, andere hingegen sind gute „Futterverwerter“, die die aufgenommenen Kalorien sofort in Energiedepots umsetzen.

Neben der Ernährung und körperlichen Aktivität sind viele Hormone und Botenstoffe an der Aufrechterhaltung der Energiebilanz beteiligt. Neben höheren Gehirnzentren wirken Sättigungshormone wie GLP-1 (Glucose-like Peptid1) und Hungerhormone wie Ghrelin – sowie Leptin – bei der Regulation der Energiebilanz mit.

Störungen der Regulation von Hunger und Sättigung

Hunger und Sättigung bestimmen wesentlich die Energieaufnahme. Hunger ist ein Signal des Körpers für die notwendige Nahrungsaufnahme, Sättigung soll hingegen das Ende der Nahrungsaufnahme anzeigen. Besteht ein Missverhältnis zwischen Hunger und Sättigung, so kommt es zu einer Regulationsstörung. Die Sättigungsreize werden dann nicht mehr wahrgenommen.

Kommentar und Empfehlungen: Hunger und Sättigung waren früher die wesentlichen Einflussfaktoren für die Ernährungsaufnahme. Dies hat sich – zumindest in der westlichen Welt – geändert. Der Appetit, die Werbung und psychosoziale Faktoren haben einen größeren Einfluss.

Vererbung

Dass mancheMenschen überschüssige Energien besser speichern als ihre Zeitgenossen bzw. mehr oder weniger deutlich spüren, wann sie satt sind, kann an ihrer genetischen Anlage liegen. Vorlieben für fett- und/oder zuckerhaltige Nahrungsmittel sowie die Freude oder Abneigung gegenüber körperlicher Aktivität können genetisch verursacht sein. Vorlieben für fettige Chips stehen in Verbindung mit der genetischen Anlage.

Ergebnisse aus Zwillingsstudien bestätigen die Bedeutung der angeborenen genetischen Veranlagung. Zweieiige Zwillinge, bei denen sich Gene unterscheiden präferieren unterschiedliche Chipsorten, eineiige hingegen die gleichen Chips. Bei Adoptivkindern gleicht der BMI stärker dem ihrer leiblichen Eltern als der Adoptiveltern. Kinder mit einem adipösen Elternteil haben ein doppelt bis vierfach höheres Risiko für Übergewicht. Sind beide Elternteile sogar adipös, erhöht sich das Risiko für Übergewicht um das Zehnfache. Es gibt mehr als zweihundert Gene und Genvarianten, die in irgendeiner Weise mit dem Risiko für Übergewicht im Zusammenhang stehen („Adipositasgene“). Die gleiche Anzahl spielt übrigens auch bei Untergewicht eine Rolle.

Einige Gene sind penetranter, d. h. wirksamer als andere. Einige beeinflussen das Hunger- und Sättigungsgefühl, andere den Stoffwechsel oder die Vorliebe für Süßspeisen und – Getränke. Sie sind auf verschiedenen Chromosomen lokalisiert und häufig inaktiv. Eine „polygenetische“ Veranlagung ist wesentlich häufiger als eine monogenetische Disposition. Meistens wirken sie nur im Zusammenspiel mit anderen Genen und oder zusätzlichen Einflussfaktoren. Das vererbbare Gesamtrisiko setzt sich aus den Risiken vieler, häufig vorkommender Mutationen in der Keimbahn zusammen. Jede dieser Mutationen trägt einen Teil zum genetischen Gesamtrisiko bei. Das vererbbare Gesamtrisiko setzt sich somit aus den Risiken vieler, häufig vorkommender Mutationen in der Keimbahn zusammen Jede dieser vielen Mutationen trägt einen kleinen Teil zum vererbbaren Gesamtrisiko bei.

Dass in Nordeuropa Adipositasgene häufiger sind, die Menschen kalorien- und fettreicher essen und somit mehr zu Übergewicht neigen, erklären Populationsgenetiker mit der Darwin’schen Evolutionstheorie. Sie besagt, dass Menschen mit „Adipositasgenen“ in der Phase der „Jäger und Sammler“ Überlebensvorteile hatten. Der Anteil der Menschen mit solchen Adipositasgenen überwiegt daher in den kalten Klimazonen. Wer nicht zu den „glücklichen Trägern“ mit Adipositasgenen gehörte, hatte früher Nachteile – auch hinsichtlich der Fortpflanzung. Heute haben Menschen mit ererbten „Fettgenen“ in den kälteren Klimazonen im täglichen Überlebenskampf Nachteile – und das nicht nur in gesundheitlicher Hinsicht.

Kommentar und Empfehlungen: Interaktionen zwischen angeborenen Genen einerseits und äußeren Einflüssen andererseits sind eindeutig. Kommerziell orientierte Ernährungsfirmen, die nur auf dem Boden von Gentests bestimmte Ernährungsempfehlungen abgeben, gelten als unseriös.

Die familiäre Neigung zu Übergewicht kann, muss aber nicht im Zusammenhang mit gemeinsam vererbbaren Genen stehen. Sie kann auch eine Folge tradierten Essverhaltens sein. Sind die Eltern selbst übergewichtig, weil sie eine deftige Küche gewohnt sind, so neigen auch die Kinder zu einer solchen Kost – und werden übergewichtig.

Häufig dient die Erbanlage als Entschuldigung für Fehlverhalten. Tatsächlich liegt die Ursache für Übergewicht mehrheitlich nicht in den Genen, sondern am Essen- und Trinken-Ge(h)n.

Adipositasgene

Der Körper tendiert nach der sogenannten Set-Point-Theorie zu seinem genetisch vorprogrammierten Gewicht. Er kann dies aber durch sein Verhalten durchaus beeinflussen. Dem Einen fällt es leicht, dem Anderen schwer, die angeborene Veranlagung durch sein Verhalten zu beeinflussen.

Häufig dient die Erbanlage als Entschuldigung für Fehlverhalten. Zwar kann die genetische Anlage dazu führen, dass Menschen eher zunehmen bzw. Probleme beim Abnehmen haben, doch sie sind diesem Schicksal nicht ausgeliefert. Um nicht übergewichtig zu werden, müssen gerade sie auf einen körperlich aktiven Lebensstil achten.

Kommentar und Empfehlungen: Die genetische Ausstattung des Menschen hat sich – im Gegensatz zu den Einflüssen der Umwelt – in den letzten Jahrzehnten praktisch nicht verändert. Die weltweite Zunahme von Übergewicht steht somit kaum im Zusammenhang mit dem Erbgut. Wäre dies der Fall, so hätte die Zunahme des Körpergewichts wesentlich langsamer erfolgen müssen (Schauder/Ollenschläger 2006).

Bei den Amish People, einer Sekte in den USA, die seit Jahrhunderten sehr isoliert lebt und sich fast nur innerhalb der eigenen Gruppe fortpflanzt, kommen bestimmte Genvarianten – so auch die vererbbare Genanlage für Übergewicht und Typ-2-Diabetes – überproportional häufig vor. Dennoch leiden die Amish People kaum unter Übergewicht und Typ-2-Diabetes. Das liegt daran, dass sie körperlich hart arbeiten. Da sie Autos und andere moderne Fortbewegungsmittel aus Glaubensgründen ablehnen, bewegen sie sich sehr viel. Die Risiko-Gene bleiben bei ihnen latent; die körperliche Aktivität inaktiviert sie.

Soziale Benachteiligung

Besorgniserregend ist der hohe Anteil übergewichtiger Kinder aus sozial schwachen Familien mit geringem Bildungsstand und Migrationshintergrund. Laut der Langzeitstudie KIGGS (Robert-Koch-Institut 2018) ist Übergewicht bei ihnen viermal häufiger verbreitet als bei gleichaltrigen Kindern aus besser gestellten Familien. Einer der Gründe ist, dass ihr Konsum an „Dickmachern“ (etwa den Süßgetränken) höher ist als bei den Angehörigen der bürgerlichen Schicht.

Unter Übergewicht leidet in der Bundesrepublik etwa ein Viertel der Männer aus der niedrigsten Einkommensgruppe. In der Oberschicht ist hingegen nur etwa jeder 13. Mann übergewichtig. Spitzenreiter unter den Fettleibigen ist die Bevölkerung in den strukturschwachen Bundesländern mit hoher Arbeitslosigkeit.

Auch in den Ländern der Dritten Welt, wo die Unterernährung nach wie vor eine große Herausforderung darstellt, gibt es ein zunehmendes Problem mit dem Übergewicht – übrigens auch mit Krebserkrankungen. Mit Sorge beobachtet die Weltgesundheitsorganisation die Strategie einiger Lebensmittelkonzerne, in den Entwicklungsländern preiswerte, industriell gefertigte Fertiggerichte zu vertreiben. Diese sind zwar preisgünstig, schmackhaft und nahrhaft, erhöhen jedoch, wegen ihres hohen Fett- und Kaloriengehalts, das Risiko für Übergewicht und Diabetes. Die traditionell ballaststoffreiche Ernährung wird dadurch verdrängt.

In einigen schwarzafrikanischen Schwellenländern hat sich zudem eine Bevölkerungsschicht gebildet, die den erworbenen Luxus im Übermaß genießt und sich körperlich kaum mehr anstrengen muss. Von Weißen werden diese wohlhabenden Afrikaner wegen ihrer Korpulenz abschätzig „Fat Boys“ genannt. Von ihren schwarzen Mitbürgern hingegen werden sie beneidet und nicht – wie in Deutschland – abschätzig beurteilt oder gar diskriminiert.

Kommentar und Empfehlungen: Wenn man sich keine gesunde Ernährung leisten kann, kann dies zu Untergewicht, aber auch Fettleibigkeit führen.  In den sozial schwachen Einkommensschichten sind nicht nur Untergewicht und Übergewicht weit verbreitet, sondern auch das Krebsrisiko (Helmert 2003).

Programme, die allein auf Ernährungsempfehlungen beruhen, sind zu einseitig. Sie berücksichtigen nicht die sozialen und soziokulturellen Besonderheiten.

Appetit

Im Gegensatz zum Hunger ist der Appetit kein physiologisches, sondern eher ein psychisches Phänomen. Verdeutlicht wird dies mit der Erfahrung, dass der Appetit trotz eindeutiger Sättigung weiter anhalten kann und man mit dem Essen fortfährt. Andererseits wird bei Appetitlosigkeit trotz vorhandenem Hunger häufig nicht gegessen.

Kommentar und Empfehlungen: „Gutes Essen“ ist bei vielen bürgerlichen Familien und in manchen Restaurants auch heute noch identisch mit voluminösen Mahlzeiten.

Wissenschaftler meinen, dass sich die Neigung zu übermäßigem Essen bei adipösen Personen zum Teil auf eine länger andauernde Geschmackswahrnehmung (im Vergleich zu Normalgewichtigen) zurückführen lässt.

Gewichtszunahme im höheren Lebensalter

Wenn ältere Menschen die gleiche kalorienhaltige Nahrung zu sich nehmen wie in ihrer Jugend, dann nehmen sie in der Regel an Körpergewicht zu. Das liegt daran, dass einerseits der Energiebedarf mit zunehmendem Alter abnimmt und der Stoffwechsel sich andererseits verlangsamt. Mit steigendem Alter wird es daher schwieriger, an Gewicht abzunehmen. Nimmt ein Fünfzigjähriger die gleiche Energiemenge auf wie 20 Jahre zuvor, so wird er zwangsläufig übergewichtig. Um das zu verhindern, muss man die Energiezufuhr pro Lebensjahrzehnt um 270 kcal täglich reduzieren. Der über Fünfzigjährige ist gut beraten, die Mahlzeiten zu halbieren und im Restaurant zu den Senioren-Portionen zu greifen. Die normalen Restaurant-Portionen sind nämlich für Zwanzigjährige angelegt (Rabast 2018).

Die Tatsache, dass ehemalige Hochleistungssportler im Alter häufiger übergewichtig sind, liegt meist daran, dass sie ihre Ernährung nicht dem veränderten Energiebedarf angepasst haben. Der Stoffwechsel ist bei ihnen „verlangsamt“. Gespeichertes Fett wird schlechter abgebaut.

Ein anderer Grund für die Zunahme des BMI im Alter liegt möglicherweise auch darin, dass sich das Verhältnis von Körpergröße und Gewicht – und damit der BMI – verändert. Die Wirbelkörper rücken mit zunehmendem Alter zusammen. Die Zwischenräume engen sich ein. Dies führt zu einer Abnahme der Körpergröße und einer rechnerischen Erhöhung des BMI.

Im Alter kommt es zu Veränderungen der Körper-Zusammensetzung. Die fettfreie Körpermasse nimmt ab, Körperwasser und Fettanteil nehmen zu. Eine Umverteilung der Fettmasse in Richtung Körperstamm findet statt.

Viele Frauen nehmen wegen der geringeren Östrogenproduktion nach den Wechseljahren zu. Sinkt beim Mann der Testosteronspiegel, so nimmt seine körperliche Aktivität ab, der Stoffwechsel verlangsamt sich und die Fetteinlagerung (besonders im Bauchraum) steigt.

Kommentar und Empfehlungen: Mit Übergewicht assoziierte Karzinome, wie Brust-, Darm-, Gallenblasen-, Leber, Magenkrebs sowie Myelome haben speziell in den jüngeren Altersgruppen zugenommen. Bei Tumoren ohne Übergewicht-Assoziation besteht dagegen keine Verlagerung in die jüngeren Altersgruppen (Koroukian et al 2019, Arnold et al 2019).

Gender

58 % der deutschen Männer und 41 % der Frauen > 18 Jahren sind übergewichtig. Bei den unter Sechzigjährigen überwiegt der Anteil der übergewichtigen Männer (BMI < 30), während danach mehr Frauen zu einer Adipositas entwickeln (BMI > 30). Übergewicht verursachte Krebserkrankungen sind bei älteren Frauen höher als bei Männern (5,3 bzw. 1,9 %).

Für dies Abweichungen kommen mehrere Ursachen in Frage. Frauen sind im Durchschnitt zehn bis fünfzehn Zentimeter kleiner als Männer, bedingt durch die frühzeitige Skelettreife, und dem früheren Verschluss der Wachstumsfugen. Frauen haben acht Prozent mehr Körperfett. Aufgrund der niedrigeren Testosteronwerte fällt die Muskelmasse der Frau geringer aus als beim Mann.

Bei der Auswahl der Lebensmittel orientieren sich Frauen tendenziell stärker an gesundheitlichen Aspekten, während für Männer Essvorlieben ausschlaggebend sind. Sie bevorzugen häufiger fetthaltige Wurstwaren und Fleisch. Der Schwerpunkt ihrer Ernährung liegt auf energiehaltiger, fleisch- und fettreicher Kost, während Frauen energiearme Salate und Gemüse vorziehen. Männer haben mehr Toleranz gegenüber dem eigenen Übergewicht. Sie stufen sich seltener als zu dick ein.

Sich vegetarisch ernährende Männer sind selten. Männer bevorzugen Bewegungs- und Sportprogramme zur Gewichtsabnahme, Frauen hingegen Diäten. Sie bilden die Mehrzahl der Kunden in Reformhäusern.

Frauen reagieren auf seelische Belastungen – oder bei mangelndem Selbstvertrauen – gerne mit Süßigkeiten. Snacks und süße Desserts wirken bei ihnen offensichtlich beruhigend. Ein Teufelskreis tritt ein, wenn das Selbstvertrauen weiter abnimmt. Die Neigung zum Frustessen wird dann stärker. Adipöse Frauen leiden häufig an einem geringen Selbstwertgefühl. Dazu trägt nicht zuletzt das Schlankheitsideal in den westlichen Industrienationen bei. 

Unterschiedlich ist bei beiden Geschlechtern auch der Alkoholkonsum. Männer konsumieren mehr.

Kommentar und Empfehlungen: Die unterschiedliche Häufigkeit von Übergewicht bei beiden Geschlechtern zählt mit zu den Ursachen für die ungleiche Krebsgefährdung.

Erziehung

Ob jemand im Laufe seines Lebens übergewichtig wird, entscheidet sich maßgeblich in seiner Kindheit. Wer als Kind dazu erzogen worden ist, den Teller auf jeden Fall leer zu essen, der neigt auch im Erwachsenenalter, trotz Sättigung, zum Weiter-Essen.

Typische Redewendungen von Eltern, die die Essgewohnheiten und das Gewichtsverhalten ihrer Kinder lebenslang prägen:

  • „Iss was, dann wirst du was!“
    • „Iss den Teller leer, damit das Wetter morgen schön wird!“
    • “Andere wären glücklich, wenn sie so etwas essen dürften!“
    • „Es wird gegessen, was auf dem Teller ist! Andere Menschen müssen hungern!“
    • „Iss, damit du groß und stark wirst!“
    • „Du hast nicht alles aufgegessen! Hat es dir nicht geschmeckt?“
    • „Da steht man den ganzen Tag in der Küche und dann esst ihr das nicht!“

Kommentar und Empfehlungen: Ein hoher frühkindlicher BMI ist mit einem erhöhten Risiko von Übergewicht, Herz-Kreislauf-Risiken und auch bestimmter Krebserkrankungen im Erwachsenenalter verbunden, was die dringende Notwendigkeit wirksamer Maßnahmen zur Verringerung von Übergewicht und Adipositas in der Kindheit unterstreicht.

Viele Eltern stellen ihre Kinder mit Süßigkeiten ruhig. Problematisch ist dabei nicht nur das drohende Übergewicht, sondern auch die Tatsache, dass sich die Kinder daran gewöhnen, Süßigkeiten als eine ihnen zustehende Belohnung zu empfinden. Wer als Kind mit Essen belohnt wird, der wird als Erwachsener vermutlich auch mit Essen auf Stress und Frust reagieren.

Bildung

In Deutschland ist der Anteil stark Übergewichtiger (BMI > 30) bei Menschen mit niedrigem Bildungsstand wesentlich höher (20,7 %) als bei Akademikern (11,1 %). Kinder von Eltern ohne abgeschlossene Berufsausbildung sind beinahe zweieinhalb Mal häufiger von Fettleibigkeit betroffen. Migrantenfamilien mit Sprach- und Verständigungsschwierigkeiten, unregelmäßigem bzw. erfolglosem Schulbesuch sind häufiger übergewichtig als Einwandere.

Kommentar und Empfehlungen: Angehörige der gebildeten Bevölkerungsschicht betätigen sich in ihrer Freizeit häufiger sportlich, achten mehr auf ihr Äußeres und lassen sich weniger von der Fast-Food-Werbung verführen.

Der Fleischkonsum, eine der Ursachen für Übergewicht, nimmt – anders als oft angenommen – mit steigendem Bildungsgrad und höherem Einkommen ab. Vegetarier findet man signifikant häufiger in den gebildeten Schichten.

Gesunde Ernährung ist aber nicht nur eine Frage der Bildung, sondern auch der Kosten. Fettreiches Essen, passive Freizeitaktivitäten (z. B. Fernsehen, Computerspiele etc.) sind preisgünstig. So mancher Student wird seine Entscheidung für die abendliche Tiefkühlpizza, den Burger oder die Pasta mit Fertigsauce damit rechtfertigen, dass gesundes Gemüse und gutes Fleisch für ihn unerschwinglich sind.

Stress

Dysstress war früher eher eine Ursache für Untergewicht. Er führte zu einer Überproduktion von Magensäure, schmerzhaften Magengeschwüren und Appetitlosigkeit. Mit der Einführung Säure hemmender Medikamente in den 1970er Jahren – sowie später von Säureblockern (Protonenpumpenhemmern) – änderte sich dies. Magengeschwüre und Untergewicht als Folge von Stress sind heute seltener. Gestresste Menschen essen heute eher mehr – und leiden deshalb öfter unter Übergewicht. Wenn Menschen gestresst sind, neigen sie dazu, ungesünder zu essen, Mahlzeiten auszulassen oder ungebührlich viel zu essen und auf Bewegung und Sport zu verzichten.

Ursachen für eine Gewichtszunahme bei Stress

  • Bei Stress kommt es zu einer erhöhten Ausschüttung von Cortisol, das den Appetit stimuliert.
  • Mancher Stressgeplagte meint, er könnte sich beim Essen entspannen.
  • Stress ist mit Hektik, schnellem und unregelmäßigem Essen verbunden. Viele Menschen bekommen gar nicht mit, dass sie und was sie essen. Die Sättigung setzt bei ihnen – wenn überhaupt – sehr spät ein. Sie essen über den notwendigen Kalorienbedarf hinaus.
  • Zwar werden Mahlzeiten unter Zeitdruck häufig ausgelassen, dafür wird aber dann umso mehr bei einer späteren – meist abendlichen – Gelegenheit gegessen. Endet der Stress – etwa nach einem langen Arbeitstag –, so setzt bei ihnen häufig ein nicht beherrschbares Hungergefühl ein.
  • Gestresste Menschen greifen gerne zu Energydrinks. Diese wirken stimulierend, vertreiben die Müdigkeit, erhöhen die Konzentrations- und Leistungsfähigkeit. Energydrinks enthalten jedoch – neben Koffein, Taurin und Vitaminen – auch große Mengen Zucker. Sie sind sehr kalorienreich.
  • Gestresste Menschen konsumieren häufig mehr Alkohol und sind weniger sportlich.
  • Zwar steigt bei stressbedingten Schlafstörungen der Energieverbrauch um etwa 5 %, gleichzeitig nimmt aber auch der Appetit zu (Markwald et al 2013).

Kommentar und Empfehlungen: Einige Wissenschaftler behaupten, Stress und Hetze schädigen uns mehr als eine gesunde Ernährung ausgleichen kann.

Wer sich gestresst fühlt, unter Übergewicht leidet und an eine Ernährungsumstellung denkt, sollte zunächst herausfinden, was ihn stresst. Ist es der Beruf, das Privatleben – oder beides? Sind es bestimmte Situationen oder Menschen?

Stress erhöht nicht nur das Risiko für Übergewicht, sondern wirkt sich auch auf die Höhe der Entzündungsmarker aus, die das Risiko für bestimmte Krebserkrankungen vergrößern.

Bewegungsmangel

Während die Lobby der Zuckerindustrie behauptet, nicht der Zuckerkonsum, sondern der Bewegungsmangel Ursache für die Zunahme von Übergewicht in der Bevölkerung sei, beteuern Mediziner das Gegenteil. Sicher ist, dass sowohl Bewegungsmangel als auch überkalorische Ernährung und einseitige Ernährung einen hohen Schuldanteil am Übergewicht der Bevölkerung und an der Zunahme bestimmter Krebserkrankungen haben. Auffallend ist, dass genau die Krebsleiden zugenommen haben, die durch Gewichtsabnahme und körperliche Aktivität vermeidbar sind.

Bewegung kann das Krebswachstum verlangsamen und Rezidive verhindern (Behrens et al 2018, Heikenwälder 2019). Nach den Berechnungen des Deutschen Krebsforschungszentrums sind von den 2018 zu erwartenden 305.679 Krebsneuerkrankungen 6,9 % auf Übergewicht und 6,1 % auf körperliche Inaktivität zurückzuführen. Bewegung kann das Krebswachstum verlangsamen und Rezidive verhindern (Behrens et 2018, Heikenwälder 2019).

Passive Aktivitäten dominieren heute den Alltag, sei es im Beruf oder in der Freizeit. Zwischen der Höhe des Körpergewichts und der passiv vor dem Fernseher verbrachten Zeit besteht eine Korrelation.Stundenlanges Sitzen am Arbeitsplatz, im Auto und in der Freizeit sowie vor PC und Fernseher gehören heute zum Alltag.

Bei Kindern und Jugendlichen wiegt die Bewegungsarmut besonders schwer. Bei einem täglichen Fernsehkonsum von mehr als fünf Stunden haben sie, verglichen mit ihren Altersgenossen mit zweistündigem Konsum, ein fast fünffach höheres Adipositasrisiko. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass sie auch im Erwachsenenalter übergewichtig sein werden. Der größere Medienkonsum, die Reduzierung der Freizeit, die stetige Verfügbarkeit von Süßigkeiten und Softdrinks sind Gründe für das Absinken der körperlichen Alltagsaktivität in der Altersgruppe der 4- bis 17jährigen in den vergangenen zwölf Jahren um mehr als ein Drittel – und damit um 31 Minuten pro Woche.

Kommentar und Empfehlungen: Laut WCRF sollten sich Erwachsene wöchentlich mindestens 150 Minuten moderat bis intensiv bewegen, was aber nur ein Bruchteil schafft.

Kormlos und Brabec, die 2010 das Eingangsgewicht amerikanischer Rekruten in den vergangenen 150 Jahren ermittelten, berechneten einen durchschnittlichen BMI von weniger als 20 zwischen 1850 und 1879. Dieser stieg von 1880 bis 1909 auf etwas über 20, von 1920 bis 1939 auf 22,5 und 1980 auf 24 an. 2018 war der durchschnittliche BMI der Rekruten so hoch, dass das Pentagon Bedenken zur Einsatzbereitschaft der Armee äußerte.  

Obwohl die positiven Auswirkungen von Sport auf das Krebsrisiko und den Krankheitsverlauf seit langem bekannt sind, lässt eine eindeutige Klärung der Wirkmechanismen noch auf sich warten. Auswirkungen auf den Insulinspiegel, die Sexualhormone, den Leptin- und Adinopectinspiegel, die Durchblutung, die Sauerstoffversorgung, die Ausbildung krankhafter Blutgefäße und die Immunzellen werden diskutiert.

Ein Grund für die Häufigkeit von Übergewicht in Nordeuropa sind die geringeren körperlichen (und somit Energie verzehrenden) Outdoor-Aktivitäten im Winter. Die Sonnenscheindauer ist dort viel kürzer als im Süden.

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Hermann Delbrück ist Arzt für Hämatologie – Onkologie und Sozialmedizin sowie Rehabilitation und physikalische Therapie und Hochschullehrer für Innere Medizin und Sozialmedizin. Während seiner Laufbahn in der experimentellen, kurativen und vor allem rehabilitativen Onkologie veröffentlichte er mehrere Lehrbücher. Er ist der Herausgeber zahlreicher Ratgeber für Betroffene mit Krebs. Seit seiner Emeritierung 2007 befasst er sich vorrangig mit Fragen der Prävention von Krebs.