Schamlippenkrebs: Was tun zur Vorbeugung und was zur Krebsfrüherkennung?

HPV-Viren

Bild: HPV-Viren – Ed Uthman [CC BY-SA 2.0 ], via Wikimedia Commons

Hinter dem Begriff Schamlippenkrebs verbergen sich mehrere Krebsarten, die von verschiedenen Zellen der Genitalregion ausgehen und unterschiedliche Ursachen haben können. Über 90% sind Plattenepithelkarzinome, bei den restlichen 10 % handelt es sich um andere Gewebetypen wie z. B. um Basalzellkarzinome, Adenokarzinome, Melanome, Karzinome der Bartholinschen Drüsen oder Sarkome. Betroffen sind meist die großen Schamlippen, seltener die kleinen Schamlippen oder die Klitorisregion.

Man unterscheidet zwei Arten von Plattenepithelkarzinomen: nämlich zum Einen diejenigen Karzinome, bei denen Humane Papilloma Viren (HPV) nachweisbar sind, zum Anderen Karzinome ohne HPV-Beteiligung. Bei letzteren gehen den Karzinomen sehr häufig entzündliche Hauterkrankungen voraus; auch treten die bervorzugt bei älteren Frauen auf. Bei jüngeren Frauen (< 55 Jahre) überwiegen Tumore als Folge einer HPV-Infektion.

Gewebeveränderungen, die dem Krebs vorausgehen, werden VIN genannt (Abkürzung für vulväre intraepitheliale Neoplasie). Sie sind meist HPV-assoziiert. Entsprechend den Empfehlungen der WHO werden die VIN, in Analogie zum Krebs des Muttermundes (CIN), in drei Schweregrade eingeteilt, nämlich in VIN I, VIN II und VIN III. Gefährlich und potentiell krebsgefährdend sind VIN II und VIN III, während VIN I einer leichten, in der Regel harmlosen, Dysplasie entspricht. VIN III (schwere Dysplasie) wird auch als Carcinoma in situ bezeichnet; früher auch Morbus Bowen oder Erythroplasia.

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Risiken und Einflüsse für Schamlippenkrebs

Zu den Risikofaktoren gehören bei jungen Frauen Infektionen mit dem Humanen Papilloma-Virus (HPV). Auch andere sexuell übertragbare Infektionen im Genitalbereich wie z. B. mit Herpesviren vom Typ 2, Chlamydien oder Treponema pallidum (Syphilis) werden mit dem Vulvakrebs in Verbindung gebracht. Sie alleine lösen aber kein Vulvakarzinom aus.
Chronisch nicht infektionsassoziierte Erkrankungen erhöhen das Erkrankungsrisiko bei älteren Frauen. Zu ihnen zählen Leukoplakien (Weißschwielenkrankheit) und Lichen sklerosus. Sie können lange vor der Diagnose des Schamlippenkrebses bestehen.

Erkrankungsrisiken bei jungen Frauen

< 55 Jahre) (x = wahrscheinlich erhöht, xx = doppelt so hoch, xxx = mehr als doppelt so hoch, xxxx = sehr hohes Risiko)

  •  HPV-Infektion (XXXX)
  • unterschiedliche Sexualpartner (XXX)
  • Tabakabusus (X)
  • geschwächtes Immunsystem (XX)
  • HIV-Infektion (Xx)
  • Gleichzeitig andere sexuell übertragbare Krankheiten, wie z. B. Herpes-Simplex-Viren oder Chlamydien (XX)
  • Verhütungsmittel („Anti Baby Pille“) (X)
  • entzündliche Hauterkrankungen (X?)

Erkrankungsrisiken bei älteren Frauen (> 55 Jahre) (x = wahrscheinlich erhöht, xx = doppelt so hoch, xxx = mehr als doppelt so hoch, xxxx = sehr hohes Risiko).

  • Chronisch entzündliche Hauterkrankungen an den Schamlippen (XXX)
  • Weißschwielenkrankheit (XXXX)
  • Lichen sklerosis (XXXX)
  • Lichen simplex (XX)
  • Leukoplakien (XXX)
  • Alkohol (X?)

Dass Humane Papilloma-Viren die Entstehung von Gebärmutterhalskrebs begünstigen und Impfungen die Infektionen verhindern, ist weitgehend bekannt. Weit weniger bekannt ist, dass das HP-Virus auch Krebs an anderen Stellen des Intimbereichs und seiner Umgebung auslösen kann. So ist sicher, dass die Häufigkeitszunahme von Schamlippenkrebs mit der Zunahme von HPV-Infektionen korreliert.
Rauchen sowie eine geschwächte Immunabwehr fördern die Persistenz von HP-Viren in der Schleimhaut und somit die Entstehung von Gewebedysplasien (Krebsvorstufen bzw. VIN).
Bei älteren Frauen beobachtet man vorwiegend verhornende Plattenepithelkarzinome. Ihnen gehen meist entzündliche Hauterkrankungen voraus, die unabhängig von HP- Viren entstanden sind. Die chronisch entzündliche Hautkrankheit Lichen sklerosus geht mit einem geschätzten vier- bis fünfprozentigen Lebenszeitrisiko für Krebs einher.

Statistische Erkrankungsrisiken für Schamlippenkrebs

In den letzten zehn Jahren hat sich die Zahl der Neuerkrankungen mehr als verdoppelt. Schuld daran ist die Zunahme der HPV-Infektionen. In Deutschland erkranken jährlich etwa 3200 Frauen an einem Schamlippenkrebs. Mit zunehmendem Alter steigt das Erkrankungsrisiko. Das Lebenszeitrisiko beträgt 0,6 %, d. h. eine von 160 neugeborenen Mädchen erkrankt im Laufe ihres Lebens (Datenbasis Robert Koch 2012).

Infektionen als Risiko?

Abwehrgeschwächte Frauen haben ein erhöhtes Erkrankungsrisiko für HPV-Infektionen und daher auch für Schamlippenkrebs. Die Virustypen 16, 33 und 31 sind besonders gefährlich. Das Krebsrisiko einer Frau mit einer VIN III-Gewebeveränderung beträgt zwischen 3,8 und 9 %.

Hormonelle Einflüsse als Risiko?

Es besteht kein eindeutiger Nachweis für hormonelle Einflüsse. Die „Pille führt – wenn überhaupt – nur zu einer geringfügigen Risikoerhöhung. Experten meinen, dass das fraglich erhöhte Erkrankungsrisiko bei hormoneller Antikonzeption eine Folge des häufigeren Partnerwechsels sei, nicht aber auf der Hormonwirkung beruhe.

Geographische Einflüsse als Risiko?

Das Saarland weist aktuell im Bundesländervergleich in Deutschland die höchste Erkrankungsrate auf (Robert Koch Institut 2014).

Lebensstil und Lebensgewohnheiten als Risiko?

Frauen aus dem Rotlichtmilieu sowie häufiger Geschlechtsverkehr mit unterschiedlichen Partnern und Rauchen sind Risikofaktoren.

Vor- und Begleiterkrankungen als Risiko?

Sexuell übertragbare Infektionen durch Herpesviren vom Typ 2, Chlamydien und Treponema pallidum (Syphilis) im Genitalbereich fördern das Krebsrisiko. Sie alleine können aber kein Vulvakarzinom auslösen.
Plattenepithelkarzinome bei älteren Frauen entwickeln sich häufig auf dem Boden einer chronischen entzündlichen Hautkrankheit, so bei einer Leukoplakie (Weißschwielenkrankheit) oder Lichen sklerosus. Der Lichen sclerosus ist eine chronische, entzündliche Hautkrankheit, die bei Betroffenen in etwa 4 bis 5 % zu einem Plattenepithelkarzinom im Genitalbereich führt. Hormonelle Einflüsse, zum Beispiel ein Östrogendefizit, aber auch eine genetische Prädisposition, scheinen eine Rolle bei der Entstehung dieser Hautekzeme zu spielen.

Lifestyle als Risiko?Einflüsse des Sexuallebens?

Je frühzeitiger ein Sexualverkehr stattfindet und je häufiger der Sexualpartner gewechselt wird, umso höher ist das Erkrankungsrisiko. Kondome bieten keinen Schutz. Viren können auch bei nicht penetrierenden sexuellen Kontakten (Petting) übertragen werden.

Schamlippenkrebs-Vorbeugung

Empfehlungen für Impfungen und für Maßnahmen zur Stärkung der Immunabwehr?

40 % aller Karzinome sind HP-Virus induziert und können durch eine HPV-Impfung vermieden werden. Die Impfung wirkt allerdings nicht bei einer bereits bestehenden HPV-Infektion; sie muss daher schon sehr jungen Jahren erfolgen. Nahezu alle Karzinome bei jugendlichen Frauen sind durch HP-Viren verursacht, und zwar den HP-Virustypen 16, 33 und 31.
Die Impfung erfolgt bei Mädchen im Alter zwischen neun und 14 Jahren gemäß einem Dosisschema mit zwei oder drei Dosen und im Alter von mehr als 15 Jahren mit einem Dosisschema von drei Dosen. Bei einem Dosisschema von drei Dosen sollte die zweite Dosis zwei Monate nach der ersten und die dritte Dosis vier Monate nach der zweiten Dosis gegeben werden. Zwischen der ersten und der zweiten Dosis sollte stets ein Intervall von mindestens einem Monat eingehalten werden; zwischen der zweiten und der dritten Dosis sollte das Intervall mindestens drei Monate betragen. Alle Impfungen sollten innerhalb eines Jahres verabreicht werden.
Die Kosten der Impfung werden von der Krankenkasse bis zum 18. Lebensjahr übernommen. In Einzelfällen übernehmen einige Krankenkassen die Impfkosten auch noch danach bis zum 26. Lebensjahr. Danach muss man die notwendigen drei Impfungen privat bezahlen (ca. 450 Euro).

Empfehlungen zur Änderung gesundheitsgefährdender Lebensgewohnheiten

Die beste Vorbeugemaßnahme ist eine frühzeitige Impfung gegen HP-Viren. Mit Sicherheit macht man nichts falsch, wenn man das Rauchen einstellt. Kondome reduzieren zwar die Gefahr einer HP-Infektion, bieten aber keinen sicheren Schutz.

Empfehlungen zur Vorbeugung mit medikamentösen und / oder chirurgischen Maßnahmen

Bei unklaren Hautveränderungen an den Schamlippen sollte großzügig und zeitnah eine Stanzbiopsie zur Gewebeuntersuchung erfolgen. Die VIN können so am sichersten von gutartigen Hautveränderungen und invasiven Tumoren unterschieden werden. Ziel der Entfernung einer VIN II/III ist die komplette Beseitigung Krebs fördernder Zellen. Dies kann auf chirurgischem Wege oder mit Laser erfolgen. Gute Erfahrungen gibt es inzwischen mit dem Immunmodulator Imiquimod; eine Substanz, die auch erfolgreich bei der Behandlung von Kondylomen eingesetzt wird. Eine frühe und konsequente Behandlung von Lichen sclerosus kann die Karzinomentwicklung verringern.

Maßnahmen zur Früherkennung

Spezifische Screeninguntersuchungen zur Früherkennung, ähnlich denen in der gesetzlichen Früherkennung von Brust- oder Gebärmutterhalskrebs, existieren nicht. Dies ist auch nicht notwendig, denn die gynäkologische Vorsorgeuntersuchung für den Muttermundkrebs schließt die sorgfältige Inspektion der Schamlippen mit ein. Mit der Kolpo- und Vulvoskopie (Spiegelung) und gegebenenfalls einer Gewebeuntersuchung (Stanzbiopsie) unter kolposkopischer Sicht sind verlässliche Aussagen möglich. Je eher der Tumor entdeckt wird, umso besser und kosmetisch schonender lässt sich dieser beseitigen.

Warnsignale und Symptome für Schamlippenkrebs

Frühsymptome, sowohl beim Vulvakrebs als auch bei seinen Vorstufen sind unspezifisch oder fehlen völlig.
Häufigstes Frühsymptom ist ein hartnäckiger Juckreiz an den Schamlippen. Schmerzen beim Wasserlassen, blutiger Ausfluss oder kleine erhabene Verhärtungen oder Flecken, die an Warzen und Narben erinnern, können auf ein Vulvakarzinom hinweisen und sollten fachärztlich abgeklärt werden. Meist wird das Karzinom erst symptomatisch, wenn es klinisch sichtbar ist. Dann finden sich spürbare Knoten oder Geschwüre mit blumenkohlartiger Oberfläche. Eine immer häufiger zu beobachtende Tumorlokalisation ist zwischen der Klitoris und der Harnröhrenöffnung.

Häufige Symptome und Befunde zum Zeitpunkt der Diagnose

  • Hartnäckiger Juckreiz
  • kleine gerötete Stellen
  • Hautbeläge und dunkle Hautveränderungen
  • nicht heilende Risse
  • geringfügige Blutungen an den Schamlippen
  • weißliche Hautbeläge (Leukoplakien)
  • Feigwarzen (tastbare höckerige Veränderungen)
  • Knoten und Geschwüre

Quelle und Buch-Tipp:

Krebs-Vorsorge für Frauen: Brustkrebs, Eierstockkrebs, Gebärmutterhalskrebs, Gebärmutterkrebs, Scheidenkrebs, Schamlippenkrebs und Genderaspekte (Personalisierte Krebsvorsorge und Früherkennung)

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Über den Autor Prof Dr. Hermann Delbrück

Hermann Delbrück ist Arzt für Hämatologie – Onkologie und Sozialmedizin sowie Rehabilitation und physikalische Therapie und Hochschullehrer für Innere Medizin und Sozialmedizin. Während seiner Laufbahn in der experimentellen, kurativen und vor allem rehabilitativen Onkologie veröffentlichte mehrere Lehrbücher. Er ist der Herausgeber zahlreicher Ratgeber für Betroffene mit Krebs. Seit seiner Emeritierung 2007 befasst er sich vorrangig mit Fragen der Prävention von Krebs.

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