Lungenkrebs-Vorsorge: Vorbeugung durch Ernährung

Unter den Krebserkrankungen, bei denen ein Einfluss der Ernährung auf die Krebsentstehung vermutet wird, steht Lungenkrebs nicht an vorderster Stelle. Dennoch gibt es mehr als Vermutungen, dass die Ernährung das Krebswachstum hemmen oder beschleunigen kann. Einflüsse sind bislang vorwiegend Rauchern nachgewiesen, die deswegen Ernährungsempfehlungen besonders ernst nehmen sollten. Akute Veränderungen sind bei einer Umstellung der Ernährung unwahrscheinlich. Dies bedeutet jedoch nicht, dass man im höheren Alter nicht von einer Ernährungsumstellung profitieren würde. Richtig ist vielmehr, dass durch eine optimale Ernährung auf die Aggressivität von Krebszellen und Krebsvorstufen Einfluss genommen und ein Krankheitsverlauf abgemildert werden kann. Sicher ist auch, je früher man im Leben eine krebsgefährdende Ernährungsweise vermeidet, umso wahrscheinlicher ist ein positiver Effekt zu erwarten. Eltern kommt somit eine Mitverantwortung zu, wenn ihre Kinder aufgrund gesundheitsschädigender Verhaltensweisen später krank werden.

Wie lassen sich Ernährungseinflüsse in Studien nachweisen?

Um Ernährungseinflüsse festzustellen, benutzt man verschiedene Testverfahren, etwa Fall-, Kontroll-, Kohorten- oder Interventionsstudien. Ihre Aussagekraft ist unterschiedlich. In Fall-Kontroll-Studien werden Patienten und gesunde Kontrollpersonen, anhand von Fragebögen nach bestimmten Verhaltensweisen, etwa ihren Ernährungsgewohnheiten in der Vergangenheit, befragt (retrospektive Studien). In Kohortenstudien werden Personen über einen genau definierten Zeitraum beobachtet; ihre Verhaltensweisen und die Ereignisse werden dokumentiert. Es gibt unzählige Untersuchungen, Studien und Kommentare zur positiven Wirkung bestimmter Ernährungsweisen. Meist sind es retrospektive Studien, in denen die Angaben von Gesunden und Kranken zu ihrem Ernährungsverhalten in der Vergangenheit dokumentiert und ausgewertet werden. Die meisten von ihnen halten wissenschaftlichen Ansprüchen nicht stand. Häufig wird in ihnen ignoriert, dass epidemiologische Studien im Optimalfall Korrelationen, nicht aber Kausalitäten nachweisen können. Häufig sind sie schon vom Konzept her ungeeignet, da sie fälschlicherweise davon ausgehen, dass Krebs die Folge einzelner Ernährungsbestandteile ist und nicht berücksichtigen, dass es sich um eine multikausale Erkrankung handelt, bei der zahlreiche Einflüsse zusammentreffen. Lebensmittel sind darüber hinaus komplexe Systeme, deren Inhaltsstoffe miteinander und mit der Darmflora in Wechselwirkung treten. Sie ändern ihre Eigenschaften durch Verarbeitungsverfahren wie Würzen, Marinieren, Fermentieren, Kochen und Backen. Bevor man aus den in Literatur und Werbung gegebenen Empfehlungen Rückschlüsse für sich zieht, sollte man die als Beweis zitierten Studien hinsichtlich einiger Kriterien durchleuchten.

Gibt es eine krebsfeindliche Ernährung? Bieten Diäten einen Schutz?

Problematisch ist, dass bei Fragen der Ernährung jeder kompetent mitzureden glaubt und dass die Medien gerne sensationsträchtige Halbwahrheiten bei so genannten Krebsdiäten verbreiten. Dabei ist die Qualität der Recherchen und Datenerhebungen häufig unbefriedigend. In der Regel beruhen sie auf Selbstauskünften von Probanden, deren Wahrheitsgehalt nicht weiter überprüft werden kann. Hinzu kommt, dass sich das Thema Ernährung und Krebs zu einem Geschäftsfeld entwickelt hat, mit dem sich viel Geld verdienen lässt. Gerne wird der ängstlichen Bevölkerung suggeriert, dass bestimmte Nahrungsmittel und Nahrungsergänzungsmittel vor Krebs schützen bzw. den Verlauf einer Krebserkrankung günstig beeinflussen. Es gibt unzählige wohlmeinende, manchmal aber auch eher kommerziell ausgerichtete Empfehlungen für angeblich krebsfeindliche oder gar -hemmende Diäten. Die meisten von ihnen halten wissenschaftlichen Ansprüchen nicht stand. Häufig beruhen sie auf falschen Schlussfolgerungen aus Datenerhebungen, die auf den ersten Blick einleuchtend erscheinen und sich schwer widerlegen lassen. Krebsfeindliche Diäten gibt es nicht! Wer so etwas behauptet, muss sich den Vorwurf der Unwissenheit, der Naivität oder – schlimmer – der Scharlatanerie gefallen lassen. Wenn überhaupt, dann kann man nur eine Ernährung empfehlen, die sich nicht Krebs fördernd auswirkt. Nach dem derzeitigen Stand der Wissenschaft gibt es keine einzelnen Nahrungsbestandteile, die von sich aus „krebsfeindlich“ sind. Zu Unrecht wird dies immer wieder von einigen »Gesundheitsaposteln « und Geldmachern behauptet.

Reduziert man sein Lungenkrebsrisiko bei einer Ernährung, die reich an Obst und Gemüse ist?

 Man ist heute zwar mit der früher schon beinahe dogmatischen Propagierung von Obst zur allgemeinen Krebsprävention zurückhaltender, jedoch bestätigen die Ergebnisse der seit 1992 prospektiv durchgeführten EPIC-Studie, dass häufiger Verzehr von Obst und Gemüse das Lungenkrebsrisiko bei Rauchern senkt. Eindeutige Schutzeffekte lassen sich allerdings nur bei Rauchern feststellen. Bei ihnen soll das Erkrankungsrisiko um mehr als 20 % sinken. Bei Nichtrauchern ist die Risikoreduzierung nicht signifikant.

Ist eine vegetarische Kost sinnvoll?

Eine fleischarme oder gar fleischlose Kost hat erwiesenermaßen positive Auswirkungen auf zahlreiche Gesundheitsrisiken, möglicherweise auch auf Lungenkrebs. Es gibt retrospektive Studien, in denen ein um 20 % höheres Lungenkrebsrisiko bei Menschen mit hohem Fleischkonsum festgestellt wurde (Gebkinger, J et al 2007, Sinha, R et al 2009). Bei den Adventisten, die nicht nur auf Fleisch, sondern auch auf Rauchen und Alkohol verzichten, und sich körperlich viel betätigen, soll die Risikoreduktion sogar noch höher sein. Die niedrigere Fett- und Kalorienaufnahme, das geringere Körpergewicht, aber auch die vermehrte körperliche Aktivität und der insgesamt gesündere Lebensstil sollen der Grund sein (Banim et al 2012). 74 % unserer Ernährung sollten aus pflanzlichen Quellen stammen, 26 % aus tierischen, so empfiehlt es die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE). Sie befürwortet mindestens 400 g Gemüse und 250 g Obst pro Tag. Kohl, Broccoli, Sojaprodukte und Vollkornerzeugnisse sollen besonders günstig sein. Deren schützende Wirkung erklärt man einerseits mit der Einwirkung von Ballaststoffen, andererseits mit einer Schutzwirkung der Glucosinolate, die besonders in Kohlarten, Senf und Meerrettich enthalten sind (Steinbrecher et al 2009). Broccoli soll, neben antioxydativen Enzymen, auch Sulfora phane enthalten, die zu einem programmierten Zelltod (Apoptose) geschädigter Zellen führen. Angeblich essen Deutsche im Schnitt doppelt so viel Fleisch wie von den Gesundheitsorganisationen empfohlen. Erfreulicherweise ist die Bevölkerung sich aber der Nachteile dieses hohen Fleischverzehrs zunehmend bewusst und schränkt den Konsum ein. Dass der Fleischkonsum in Deutschland rückläufig ist, hat allerdings nicht nur gesundheitliche Gründe. Kriterien, wie artgerechte Tierhaltung, Tierschutz und ethische Überlegungen beeinflussen ebenfalls die Kaufentscheidung. Man achtet immer mehr auf die Qualität und den Fettgehalt. Fleischkonzerne entdecken seit geraumer Zeit ihr Herz für Vegetarier und bieten in ihrem Sortiment plötzlich auch „vegetarische Schnitzel, vegetarische Fleischwurst, Streichwurst auf Basis von Milchfasern und Soja, Sojaleberkäse“ sowie viele andere vegetarische Produkte mit Fleischgeschmack und hohem Eiweißgehalt an. Konnten sich früher vornehmlich die höheren Einkommensgruppen Fleisch leisten, so nimmt der Fleischkonsum heute gerade bei ihnen und mit steigendem Bildungsgrad ab. Vegetarier zu sein, ist „in“. Die Anzahl der Vegetarier – in Deutschland einst mit dogmatischen Sektenanhängern verglichen – ist in den letzten Jahren erheblich gestiegen. Der Prozentsatz derjenigen, die an mindestens drei Tagen in der Woche bewusst auf Fleisch verzichten (Teilzeitvegetarier), ist noch höher.

Kann man sein Erkrankungsrisiko durch die zusätzliche Einnahme von Vitaminen reduzieren?

Was den Nutzen von Vitaminen in der Krebsprävention anbetrifft, haben neuere Untersuchungsergebnisse zu einem Umdenken geführt. Nur noch wenige Wissenschaftler erwarten von der zusätzlichen Einnahme industriell hergestellter Vitamine einen krebspräventiven Effekt. Die EPIC-Studie und andere Forschungsstudien zeigen zwar, dass bei vielen Lungenkrebspatienten der Vitaminspiegel erniedrigt ist, jedoch ist dieser in der Regel nicht Ursache, sondern Folge der Erkrankung. Bestimmte isolierte Nahrungs- und Nahrungsergänzungsmittel, Enzyme, Mineralstoffe und Spurenelemente, die von der Industrie zur Steigerung der Abwehrkräfte produziert und zur Krebsverhinderung empfohlen werden, sind sogar potenziell schädlich. Menschen, die erblich bedingt zu hohen Eisenspeichern neigen, ist z. B. von der Einnahme von Vitamin C abzuraten. Folsäure kann dazu führen, dass Polypen schneller wachsen und das Darmkrebsrisiko erhöhen. Isoliertes Vitamin E und Betacarotin erhöhen das Lungenkrebsrisiko bei Rauchern, Beta Carotin erhöht bei Alkoholikern möglicherweise die Darmkrebsgefahr, Vitamin E fördert die Entwicklung von Prostatakrebs etc. Seit 2006 müssen alle Beta-Karotin-haltigen Medikamente einen Warnhinweis für Raucher enthalten: Für sie besteht nach Einnahme von Beta Karotin ein erhöhtes Risiko für Lungenkrebs. Die Anwendung des Provitamins Beta Karotin ist seit der CARET-Studie in fast allen Ländern streng reglementiert. Die American Cancer Society fordert Warnschilder auf Beta-Karotinhaltigen Waren, um Raucher auf deren gesteigertes Lungenkrebsrisiko hinzuweisen. Früher hat man den Vitaminen wegen ihrer oxydationsschützenden Wirkung einen hohen präventiven Wert beigemessen. In Zellkulturen wurde dieser auch bestätigt. Grundannahme der Antioxidantien- Hypothese war, dass Krebs aufgrund von „oxydativem Stress“ durch freie Radikale entsteht. Antioxidantien, allen voran Vitamin C und E sowie die Vitamin-Vorstufe Beta Karotin, sollten nach dieser Hypothese aggressive Radikale abfangen und so vor Krebs schützen. Umfassendere Analysen haben jedoch ergeben, dass der Schutz antioxidativ wirkender Mikronährstoffe wesentlich geringer ist als man früher annahm. Heute weiß man, dass die prophylaktische Einnahme von Vitamin C und E, Beta Karotin, Selen und Kalzium keine Schutzwirkung verspricht, erst recht nicht bei normalem. Hochdosierte Vitamin-Zubereitungen können nach Meinung einiger Experten sogar möglicherweise das Erkrankungsrisiko erhöhen.

Welche Ernährung ist bei einer Lungenkrebsgefährdung empfehlenswert?

Die Ernährung ist in dem „Puzzle“ der vielen Risikofaktoren nur ein Einflussfaktor unter vielen. Auch gehen die Meinungen darüber auseinander, ob, und wenn ja, welche Ernährung am ehesten schützt. Es gibt viele Mythen und skurrile Ernährungstipps, die mitunter von Fakten schwer zu trennen sind. Viele Empfehlungen sind widersprüchlich. Mehr Einigkeit besteht, welche Nahrung zu vermeiden ist. Gute Ernährung bedeutet nicht, das Richtige zu essen, sondern das Falsche zu vermeiden! Vor einer einseitigen Ernährung sollte man sich hüten! Einseitige Diäten sind schädlich, d. h., sie wirken sich negativ auf die Gesundheit, die Immunabwehr, die Lebensqualität und möglicherweise auch auf das Erkrankungsrisiko aus.

Quelle und Buch-Tipp:

Lungenkrebs vermeiden (Personalisierte Krebsvorsorge und Früherkennung)

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Über den Autor Prof Dr. Hermann Delbrück

Hermann Delbrück ist Arzt für Hämatologie – Onkologie und Sozialmedizin sowie Rehabilitation und physikalische Therapie und Hochschullehrer für Innere Medizin und Sozialmedizin. Während seiner Laufbahn in der experimentellen, kurativen und vor allem rehabilitativen Onkologie veröffentlichte er mehrere Lehrbücher. Er ist der Herausgeber zahlreicher Ratgeber für Betroffene mit Krebs. Seit seiner Emeritierung 2007 befasst er sich vorrangig mit Fragen der Prävention von Krebs.

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