Lungenkrebs-Vorsorge: Vorbeugung bei erblich bedingten Lungenkrebs

Gibt es eine präventive Gentherapie zur Verhinderung von Lungenkrebs?

Die biomedizinische Therapieforschung befasst sich intensiv mit Möglichkeiten, über Manipulationen am Genom Einfluss auf die Entstehung und Entwicklung erblich bedingter Krankheiten auszuüben und krankhafte Gene zu eliminieren. Die Vorstellung ist, mit einer Art molekularer Schere gezielt Änderungen und „Reparaturen“ in den Genomen lebender Zellen vorzunehmen. Die Hoffnung, dadurch Krankheiten – zumindest, wenn sie durch einzelne Gene bedingt sind – effektiv zu behandeln, beschränkt sich allerdings noch auf Experimente, bei denen es mittlerweile jedoch schon gelingt, mit hoher Präzision einen Austausch von Genabschnitten vorzunehmen. Ein anderer Weg, den man intensiv verfolgt, ist der einer DNAMethylierung, ein anderer jener über Viren. Viren können nämlich nicht nur Krebs verursachen, sondern auch als Vehikel zur Verhinderung von Krankheiten eingesetzt werden. Gelingt es, den Viren Reparaturgene unterzuschieben, die dann per „Huckepack“ in Patientenzellen eingeschleust werden, so können hierdurch reparierende Erbinformationen in die DNA eingebaut und bestimmte Erkrankungen, wie Krebs, verhindert werden.
Kommentar und Empfehlung: Auch, wenn es einmal gelingen sollte, mit gentechnischen Verfahren die Genome zu verändern, so ist es doch sehr fraglich, ob hierdurch eine wesentliche Risikoreduzierung stattfindet. Lungenkarzinomerkrankungen sind nämlich extrem selten auf ein einzelnes Krebsgen zurückzuführen, sondern sind Folge vieler Krebsgene, epigenetischer Einflüsse und Tumorpromotoren.

Gibt es Empfehlungen bei familiär gehäuftem Krebsvorkommen?

Bei Verdachtshinweise für familiär gehäuftes Krebsvorkommen sollte man sich in speziellen Beratungszentren beraten lassen. Adressen kann man bei der deutschen Krebshilfe erfahren (www.krebshilfe.de, Telefon 0228-72990-0). Bei familiär gehäuftem Krebsvorkommen sollte man die Möglichkeiten der aktiven Vorbeugung besonders ernst nehmen. Kommentar und Empfehlung: Bislang gibt es keine Belege dafür, dass regelmäßige Röntgen-, Ct- oder gar Kernspinuntersuchungen Vorteile bringen. Zwar gibt es wirksame Medikamente, deren präventiver Nutzen aber geringer ist als der potenzielle Schaden durch Nebenwirkungen.

Ist eine, an einer Genomanalyse orientierte Risikoabschätzung sinnvoll und möglich?

Dank einer Erbgutanalyse Risikogruppen zu identifizieren (Genombasierte Risiko-Abschätzung bzw. multifaktorieller Risikoscore) und so eine „maßgeschneiderte, zum persönlichen Genom passende“, individualisierte Krebsprävention durchzuführen, ist noch ein Traum, der jedoch dank der Fortschritte in der Molekulargenetik bald Wirklichkeit werden könnte. Noch kennen wir nur einen Bruchteil der Krebsgene, entdecken jedoch immer mehr Genvarianten, die die Krankheitsentstehung und -entwicklung mit beeinflussen. Problematisch ist, dass weitaus die Mehrzahl der Lungenkrebserkrankungen nicht die Folge eines einzigen, angeborenen Krebsgens (monogene Erkrankung), sondern Auswirkungen zahlreicher angeborener und erworbener Krebsrisikogene sind. Erschwerend ist darüber hinaus, dass diese Krebsgene auf unterschiedlichen Chromosomen liegen, häufig inaktiv sind, um erst bei schädlichen Einflüssen aktiv zu werden. Erst die Ermittlung der Gesamtheit der Risikogene mit ihrer Vernetzung würde zur Identifizierung von Hochrisikogruppen und im Idealfall einen „multifaktoriellen Risikoscore“ ermöglichen (Burton et al 2013). Heute weiß man auch, dass die strukturelle Identifizierung von Krebsgenen allein keine komplette Risikoeinschätzung erlaubt, denn sowohl die Krankheitsentstehung als auch die Aktivität und weitere Entwicklung werden auch durch epigenetische Faktoren beeinflusst, also chemische Veränderungen am Erbgut, die nicht die Reihenfolge der DNA-Bausteine betreffen.
Kommentar und Empfehlung: Ob jemand raucht, seit wann er und wie viel er raucht, ob er im Beruf mit bestimmten Substanzen im Kontakt stand, ob er in der Jugend häufig Strahlen ausgesetzt war oder noch ist, sagt zur Zeit noch deutlich mehr über das Lungenkrebsrisiko aus als Genanalysen.

Wo kann man eine Analyse des Erbgutes (Genanalyse) vornehmen lassen, um eine Gefährdung zu erkennen?

Biotechnologie-Unternehmen, die die Gene ihrer Kunden bereits für weniger als 100 Dollar zu entziffern versprechen, werben mit Slogans wie „Kenne deine Gene, dann kennst du dich selbst“. Technisch und finanziell sind Analysen des Erbguts (DNA-Analysen) heute kein Problem mehr. Es gibt viele Angebote im Internet, die Erbgutanalysen (Gensequenzierungen) anbieten. Aus mehreren Gründen sind solche Angebote problematisch. Nicht allein, dass in diesen Analysen bloß eine begrenzte Anzahl von Risikogenen feststellbar ist und nicht zwischen deren Penetranz (Dominanz) und Schwäche bzw. Inaktivität unterschieden werden kann, es können auch Fehler bei der Probengewinnung des Speichels, beim Transport (z. B. Strahlenschäden) und bei der Probenaufbereitung (Kontamination mit Viren und Bakterien) entstehen. Auch gibt es ethisch-rechtliche Einwendungen. Am problematischsten ist aber, dass eine Genanalyse ohne gleichzeitige fachärztliche Begleitung bei den Betroffenen zu falschen Schlussfolgerungen führen kann.
Kommentar und Empfehlung: Laut Gendiagnostikgesetz dürfen in Deutschland nur Ärzte mit einer speziellen Qualifikation genetische Beratungen und Analysen veranlassen und durchführen. Grundsätzlich dürfen sie einen DNA-Test auch nur dann veranlassen, wenn sich aus dem Ergebnis Konsequenzen für die Behandlung oder Vorbeugung ergeben. Adressen wohnortnaher humangenetischer Beratungsstellen findet man im Internet (www.gfhev.de).

Quelle und Buch-Tipp:

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Hermann Delbrück ist Arzt für Hämatologie – Onkologie und Sozialmedizin sowie Rehabilitation und physikalische Therapie und Hochschullehrer für Innere Medizin und Sozialmedizin. Während seiner Laufbahn in der experimentellen, kurativen und vor allem rehabilitativen Onkologie veröffentlichte er mehrere Lehrbücher. Er ist der Herausgeber zahlreicher Ratgeber für Betroffene mit Krebs. Seit seiner Emeritierung 2007 befasst er sich vorrangig mit Fragen der Prävention von Krebs.