Brustkrebs-Risiko Lebensstil: Rauchen, Alkohol, Stress und Schlafmangel

Die derzeitige Lehrmeinung ist, dass Krebs aus dem Zusammenspiel von Genen, Umwelt und Lebensgewohnheiten resultiert, wobei diese Faktoren nicht unabhängig voneinander wirken, sondern sich gegenseitig beeinflussen. Dies bedeutet, dass viele Brustkrebsgene erst bei einer bestimmten Lebensweise (Lifestyle) aktiv werden (James et al. 2009, Monninkhof et al. 2007, Siegmund-Schultze 2009). Wie stark ein bestimmter Risikofaktor, etwa der durch Genuss von Alkohol, Tabak oder körperlicher Inaktivität, das Erkrankungsrisiko bestimmt, hängt aber auch von der individuellen genetischen Ausstattung des Betroffenen ab. Natürlich spielt auch die Mikroumgebung des Tumors eine Rolle. Bestimmten Lifestyle Risiken eigenständige Einflüsse nachzuweisen und sie, der Bedeutung entsprechend, quantitativ einzuordnen, ist schwierig. Adipöse Frauen sind z. B. häufig auch körperlich wenig aktiv, sportlich aktive Frauen hingegen meist gesundheitsbewusster; sie rauchen weniger und trinken weniger Alkohol. Einflüsse von Lebensgewohnheiten lassen sich auch deswegen schwer nachweisen, weil sie sich mit der Zeit ändern. Brustkrebs entsteht nicht von heute auf morgen. Vielmehr ist es bis zum Krankheitsausbruch ein allmählicher Prozess, der sich über einen langen Zeitraum erstreckt, in dem sich Verhaltensweisen ändern können. Es ist unwahrscheinlich, dass bestimmte Verhaltensweisen kurzfristig zu einer manifesten Krebserkrankung führen.

Hat Stress einen Einfluss?

Chronischer Stress kann indirekt zur Krebsentwicklung beitragen, da sich viele Menschen in Belastungssituationen gesundheitsschädigend verhalten: Sie rauchen mehr, ernähren sich ungesund, trinken mehr Alkohol und schlafen weniger. Damit setzen sie sich mehreren Risikofaktoren aus (Mehnert 2010). Außerdem soll Stress Hormone freisetzen, die chronische Entzündungen fördern und auf diesem Wege krebsfördernd wirken. Ärger, Angst, Wut, Zeitdruck sollen eine Anzahl von Hormon- und Immunfunktionen beeinflussen.

Ist Bewegungsmangel ein Krebsrisikofaktor?

Seitdem Frisch und Mitarbeiter 1985 erstmalig von einer geringeren Brustkrebshäufigkeit bei ehemaligen College-Sportlerinnen berichteten, haben sich viele epidemiologische Studien mit einem möglichen Zusammenhang von körperlicher Aktivität und Brustkrebs befasst. Sie alle weisen auf häufigere und bösartigere Karzinome bei Bewegungsmangel hin. Die Tumore metastasieren schneller, das Wiedererkrankungsrisiko und die Sterblichkeit der Erkrankten sind größer (Holmes et al. 2005, Schmid und Leitzmann 2014). Bei keinem anderen Tumor soll der negative Einfluss von Bewegungsmangel so eindeutig nachweisbar sein wie beim Brustkrebs; dies allerdings nur bei Frauen nach den Wechseljahren; bei Frauen mit Hormonrezeptor-negativen Tumoren sowie bei angeborenen Hochrisiko-Genen (BRCA1/2) sind Einflüsse auch weniger eindeutig feststellbar (Adamietz 2010, Carpenter et al. 2003). Widersprüchliche Analysen und Empfehlungen früherer Studien lassen sich damit erklären, dass in ihnen nicht die unterschiedlichen Auswirkungen körperlicher Aktivität vor und nach den Wechseljahren, nicht die Besonderheiten familiär bedingter Brustkrebserkrankungen, der Hormonrezeptor-Status und auch nicht die Besonderheiten invasiver Brustkrebserkrankungen berücksichtigt wurden. Allgemein geht man davon aus, dass körperliche Inaktivität den Übergang von Cis Karzinomen zu invasiven Karzinomen beschleunigt, also Bewegungsarmut wie ein Tumorpromotor wirkt.

Hat Alkoholkonsum einen Einfluss?

Laut EPIC Studie soll bei 5 % aller Brustkrebserkrankungen ein Zusammenhang mit Alkohol bestehen, in England sogar bei 13 % (Colditz et al. 2012, Longnecker 1994, Seitz & Mueller 2009). Zahlreiche Studien weisen auf ein erhöhtes Brustkrebsrisiko schon bei mäßigem Alkoholkonsum hin (Baan et al. 2007). Nach den Wechseljahren ist die Gefährdung höher als vorher. Alkohol ist bei Frauen nach den Wechseljahren ein bedeutender Krebsrisikofaktor. Je höher der Alkoholkonsum ist, desto größer ist die Gefährdung (Bowen et al. 1997, Seitz et al. 2009). Hormonrezeptor positive Tumore überwiegen. In der „One Million Women Study“ – einer Beobachtungsstudie der britischen Gesundheitsbehörden – heißt es, dass schon ein einziger über lange Zeit täglich eingenommener Drink mit 11 zusätzlichen Brustkrebserkrankungen bei 1000 Frauen assoziiert sei (Ein Drink enthält 10 bis 12 g Alkohol) (Allen et al. 2009). In welcher Form Alkohol konsumiert wird – ob Bier, Wein oder Schnaps – ist nicht von Bedeutung. Entscheidender ist der Alkoholgehalt. Selbst bei geringen Mengen besteht eine Gefährdung. Bei 5,0 – 9,9 g Alkohol pro Tag soll das Erkrankungsrisiko schon auf 15 % ansteigen . Andere Autoren setzen den Schwellenwert bei 12 bzw. 18 g Alkohol an (etwas mehr als ein Achtelliter Wein)

Hat Rauchen einen Einfluss?

Ein negativer Zusammenhang besteht vorwiegend bei jungen Frauen. Die EPIC-Studie geht bei ihnen von einem hohen Erkrankungsrisiko aus (RR = 1.75) (Dossus et al. 2014). Besonders häufig sind Östrogenrezeptor(ER)-positive Tumoren, die bei jungen Frauen sonst eher in der Minderzahl sind (Kenneth C. Johnson et al. 2005, Reynolds et al. 2004 und 2009, Bofetta et al. 2011, Xue et al. 2011, California Teachers Study, Kawai et al. 2014). In der Nurses Health Study und der „California Teachers Study“, in der 116.544 Frauen (Xue et al. 2011) über viele Jahre nach ihren Rauchgewohnheiten befragt wurden, stellte man ein umso größeres Brustkrebsrisiko fest, je früher sie hiermit angefangen hatten. Nach den Wechseljahren sind keine eindeutigen Negativeffekte nachweisbar. In einigen Beobachtungsstudien meinte man sogar ein niedrigeres Erkrankungsrisiko festgestellt zu haben, bedingt durch das Fehlen des „Risikofaktors Übergewicht“, denn Raucherinnen sind meist schlank (Xue et al. 2011). Gesichert ist allerdings, dass Rauchen sich auch bei älteren an Krebs erkrankten Frauen ungünstig auf den Krankheitsverlauf auswirkt. Brustkrebspatientinnen, die trotz Erkrankung weiter rauchen, erleiden häufiger und früher einen Rückfall. Es kommt bei ihnen schneller zu einer Metastasierung.

Beeinflusst die Schlafqualität das Krebsrisiko?

Ob die Schlafdauer das Erkrankungsrisiko beeinflusst, wird kontrovers diskutiert. Eher sind es wahrscheinlich die Schlafqualität und die Störungen der Schlaf-Wach-Rhythmik, die von der IARC (International Agency for Research of cancer) als wahrscheinlich krebserregend eingestuft wurden (Erren et al. 2010). Einige Autoren behaupten, dass ein Schlafdefizit (< 7 Stunden in der Nacht) die Expression von Tumorgenen und somit die Aggressivität von Krebsvorstufen erhöht (Thompson 2011, 2012). Als gesichert gilt, dass eine kurze Schlafdauer, gepaart mit Störungen der zirkadianen Rhytmik Übergewicht, vor allem Bauchfettsucht, das Diabetesrisiko erhöht, Fettstoffwechselsstörungen sowie Bluthochdruck erhöht (Hallschmid et 2015). Begleitumstände wie die häufigere Einnahme von Schlafmitteln, Rauchen, erhöhter Alkoholkonsum, Stress tragen sicherlich zusätzlich zu den schädlichen Auswirkungen bei (Pinheiro et al. 2006). Entscheidend ist wohl weniger die Länge als die Erholung und Entspannung durch den Schlaf. Verantwortlich für Erholung und Entspannung ist im Wesentlichen das Tiefschlafstadium, das nicht zu gering ausfallen darf.

Quelle und Leseempfehlung zur Brustkrebsvorsorge:

Brustkrebs vermeiden (Personalisierte Krebsvorsorge und Früherkennung)

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Über den Autor Prof Dr. Hermann Delbrück

Hermann Delbrück ist Arzt für Hämatologie – Onkologie und Sozialmedizin sowie Rehabilitation und physikalische Therapie und Hochschullehrer für Innere Medizin und Sozialmedizin. Während seiner Laufbahn in der experimentellen, kurativen und vor allem rehabilitativen Onkologie veröffentlichte er mehrere Lehrbücher. Er ist der Herausgeber zahlreicher Ratgeber für Betroffene mit Krebs. Seit seiner Emeritierung 2007 befasst er sich vorrangig mit Fragen der Prävention von Krebs.

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