Begünstigt die Luftverschmutzung die Entstehung von Lungenkrebs?

Adenokarzinome und Luftverschmutzung

Ca. 2 bis 3 % aller Lungenkrebserkrankungen – überwiegend Adenokarzinome – sollen in Deutschland auf Einwirkung von Luftschadstoffen zurückzuführen sein. In Indien und in China soll die Gefahr wesentlich höher sein, wobei die Gefährdung in städtischen und ländlichen Regionen unterschiedlich hoch ist. Strengere Umweltauflagen, der Rückgang der Schwerindustrie, die Verwendung von umweltfreundlicheren Stoffen, die Reduktion von Kraft- und Fernheizwerken sowie die Aufrüstung von Kohlekraftwerken und der geringere Abbau von Braunkohle führten in Deutschland zu einem deutlichen Rückgang der Schadstoffe. Sie betragen heute nur noch 10 % der 1990 emittierten Werte. In anderen Ländern ist die Belastung bedrohlicher. In China erreichen die Feinstaubwerte bis zu 300 Mikrogramm pro Kubikmeter, also mehr als das Zehnfache dessen, was die Weltgesundheitsorganisation als Grenzwert empfiehlt (25 Mikrogramm über den Tag verteilt). Der Großteil der Luftverschmutzung stammt aus der Kohleverbrennung.

Luftverschmutzung durch Straßenverkehr

Der Straßenverkehr hat einen eindeutigen Einfluss auf die Lungenkrebhäufigkeit, schenkt man Metaanalysen Glauben. Das ganze nordostchinesische Becken von der Chinesischen Mauer oberhalb der Hauptstadt bis hinunter an die Küste ist von gelbbräunlichem Smog bedeckt. Selbst an sonnigen Tagen dauert es Minuten, bis ein Jet die Dunstglocke über Peking hinter sich lässt.Grund für den Smog sind die bei Energiegewinnung aus fossilen Brennstoffen entstehenden Stickoxiden, die ständig wachsende Fahrzeugflotte, die zum Heizen und Kochen oder in Generatoren verwendeteBiomasse und die Rußpartikel in den Industrieabgasen. Die Auswirkungen der CO-2-Emissionen auf den Klimawandel und auf die Gesundheit sind eindeutig und bedrohlich. Allein Lungenkrebserkrankungen sollen in China in den letzten 10 Jahren um 43 Prozent zugenommen haben.

Schadstoffbelastung in Räumen

Unterschätzt wird allgemein die Schadstoffbelastung in der Innenraumluft.In Asien und Afrika leben viele Menschen in schlecht belüfteten Räumen bei offenem Feuer, sehr einfachen Öfen mit Holz oder Kohle als Brennstoff. Die Feuerstellen dienen dort gleichzeitig zum Heizen und als Lichtquelle. Dabei freigesetzte Stoffe, unter anderem Feinstaub und Kohlenmonoxid, fördern Asthma, chronische Bronchitiden, Emphyseme und auch Lungenkrebs. Eine signifikante Zunahme von Lungenkrebs ist mit zunehmendem Wohlstand und erhöhter Lebenserwartung in Ländern der Dritten Welt sehr wahrscheinlich, da die durch die Luftverschmutzung verursachten Krebserkrankungen sich in der Regel erst mit einer längeren Zeitverzögerung im höheren Lebensalter manifestieren. Bislangversterben die meisten Menschen in diesen Ländern vorher an anderen Ursachen. Der endgültige Nachweis von Luftverschmutzung und Lungenkrebs ist schwierig. Grund ist die lange Latenzzeit zwischen Schädigungsbeginn und dem Ausbruch einer durch sie verursachten Krebserkrankung. Man schätzt die Latenzzeit auf 30 bis 40 Jahre, wobei Kokarzinogene wie gleichzeitiger Tabakkonsum die Latenzzeit verkürzen.

Welche Schadstoffe in der Luft sind besonders krebsgefährdend?

Für besonders bedrohlich hält man die Feinstäube, Stickoxyde, Radon und polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe, die übrigens auch im Zigarettenrauch enthalten sind. Mit Feinstaub bezeichnet man kleine Partikel in gasförmiger und partikulärer Form, die sich in der Luft befinden. Sie sind natürlichen sowie künstlichen Ursprungs. Je kleiner sie sind, desto tiefer können sie mit der Atemluft in die Lunge vordringen, wo sie Entzündungsreaktionen hervorrufen und so zur Entstehung von Krebs beitragen. Ursache sollen der oxydativeStress in der Bronchialschleimhaut mit daraus resultierenden Entzündungenund Fibrosen sein.
Die Feinstaubbelastung ist in den ersten Monaten des Jahres wegen der vielen Heizungen und Kaminfeuer besonders hoch. Windstille und trockenes Wetter im Winter begünstigen die Belastung. Als Ursache für Atemwegserkrankungen spielt neben den Feinstäuben auch ein anderer Luftschadstoff eine wichtige Rolle. Bodennahes Ozon (nicht zu verwechseln mit dem Ozon in der Stratosphäre) entsteht aufgrund komplexer chemischer Reaktionen durch Schwefel und Stickstoffoxide, organischer Verbindungen und teils auch durch Feinstaub in der Luft. Ozon ist ein Reizgas, das Atembeschwerden verursacht und zur Entstehung oder Verschlimmerung von chronischen Atemwegserkrankungen beiträgt.

Schadstoffbelastung in Deutschland

Dadurch, dass die Fabrikschlote heute höher gebaut werden, wird die Konzentration von Schadstoffen in ihrer direkten Umgebung zwar vermindert, in weiter entfernten Regionen jedoch erhöht. So kommt es, dass neuerdings in ehemals als völlig schadstoffarm geltenden Gebieten Krebs verursachende Schadstoffe in fast ebenso hoher Konzentration gemessen werden wie an den sie verursachenden Industrieanlagen. Die Annahme, dass Kohlekraftwerke mittlerweile so aufgerüstet sind, dass sie keine relevante Luftverschmutzung mehr verursachen, ist falsch. Zwar sind durch Schwefel- und Feinstaubfilter die Emissionen in den letzten Jahrzehnten deutlich reduziert, dennoch besteht in Europa ein erheblicher Nachholbedarf. In den USA ist bei Kohlekraftwerken nur ein Zehntel der europäischen Feinstaubemissionen zulässig. Quellen von Feinstaubemissionen in Privathaushalten sind in Deutschland vor allem Holzheizungen und offene Kamine. In geschlossenen Räumen sind der Rauch von Tabakwaren, Laserdrucker und Kopierer, Ausstoß von Staubsaugerfiltern die Hauptverursacher.

Quelle und Buch-Tipp:

Lungenkrebs vermeiden (Personalisierte Krebsvorsorge und Früherkennung)

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Über den Autor Prof Dr. Hermann Delbrück

Hermann Delbrück ist Arzt für Hämatologie – Onkologie und Sozialmedizin sowie Rehabilitation und physikalische Therapie und Hochschullehrer für Innere Medizin und Sozialmedizin. Während seiner Laufbahn in der experimentellen, kurativen und vor allem rehabilitativen Onkologie veröffentlichte er mehrere Lehrbücher. Er ist der Herausgeber zahlreicher Ratgeber für Betroffene mit Krebs. Seit seiner Emeritierung 2007 befasst er sich vorrangig mit Fragen der Prävention von Krebs.

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